Aufgaben der Völkerkunde
25
Nun sehen wir aber folgendes: der eine Fortschritt findet bei diesem Volk
Statt, der andere bei jenem. Außerdem aber führen ähnliche Ereignisse
keineswegs immer zu den gleichen Ergebnissen.
Trafen Hirten mit Feldbauern zusammen, wie das gewiß zu den verschiedensten
Zeiten sehr oft der Fall war, so kann verschiedenes daraus resultieren,
Es kann etwa zu einer bloßen Symbiose, zu einem Neben- und Miteinanderleben
der Hirten und Feldbauern kommen, ohne wechselseitige Einmischung
in die Angelegenheiten anderer, wie z. B. in der älteren Geschichte
der Bakitara Ostafrikas. Es kann aber später auch eine Schichtung entstehen,
wie etwa in Ruanda und anderen ostafrikanischen Despotien,
während die Masal ganz andere Zustände aufweisen. Es kann aber auch
eine Herrschaft der Hirten über die Feldbauern sich breit machen, wie z. B.
gelegentlich der Eroberungszüge der Mongolen. Doch auch eine staatliche
Organisation mit rationeller wirtschaftlicher Verwertung der menschlichen
Arbeitskraft, eine Führerschaft der einen Schicht gegenüber der anderen,
kann — namentlich bei wiederholten Überlagerungen — zustande kommen,
wie z. B. im alten Sumer, im Zweistromland oder im alten Ägypten.
Man sieht also, derartige Ereignisse bilden unter verschiedenen Voraussetzungen
und zu anderen Zeiten den Anstoß für ein keineswegs immer
gleiches Verhalten der dabei beteiligten Menschen. Die einzelnen Völker
verhalten sich in ähnlichen Situationen nicht immer gleich. So ist auch das
Schicksal der Völker selbst verschieden.
Bei der Betrachtung derartiger Erscheinungen können wir verschiedene
Gesichtspunkte einschalten: wir können die nicht umkehrbare
Anhäufung von Fertigkeiten und Kenntnissen verschiedener Völker miteinander
vergleichen, ihre kulturellen Leistungen also zueinander in
Beziehung setzen. Dann erhalten wir das Bild_einer notwendigen. Entwicklung,
eines Fortschritts, wie er gelegentlich des Beispiels vom
Grabstock, der Hacke und dem Pflug gekennzeichnet wurde.
Wird z. B. bei einem Volke eine Erfindung gemacht, wie etwa das Wurfmesser,
so übernimmt ein anderes diesen erfundenen Gegenstand, verwendet
ihn jedoch nicht in der gleichen Weise. Das Wurfmesser der Sudanstämme
dient als Waffe, wird jedoch bei einigen Bantu-Stämmen als Hausgerät,
bei anderen als Kultgegenstand verwertet,
Ähnlich ist es auch bei Entdeckungen von Ländern. Nicht alle Völker
ziehen daraus die gleichen Konsequenzen. Man braucht nur an die verschiedenen
Methoden der Kolonisation zu denken, etwa den Unterschied
zwischen dem spanischen, dem französischen und dem angelsächsischen Verfahren.
Hier und da gehen auch Erfindungen oder Entdeckungen verloren. Es
sei an die Kenntnis von der Kugelgestalt der Erde erinnert, welche dem
alexandrinischen Ägypten in den ersten J ahrhunderten nach Ch. bekannt
war, in der Zeit der Patristik aber, als die Aufmerksamkeit ethischen und
religiösen Dingen zugewandt war, verloren ging und erst viele Jahrhunderte
Später unter Aufwand großer Kämpfe sich wieder durchzusetzen vermochte.
Ahnlich ist es mit der Entdeckung Amerikas durch die Normannen. Die