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Wildbeuter des Kises
Kinderheiraten kommen nicht vor. Burschen können nicht eher heiraten,
als sie imstande sind, selbständig eine Schneehütte zu errichten und
Fertigkeit und Kraft genug zum Jagen von Seehunden und Caribu besitzen.
Daher denken sie nicht daran, nach Frauen Ausschau zu halten, bevor sie
17 oder 18 Jahre alt sind. Mädchen dagegen haben es leichter und heiraten
manchmal sogar noch vor Eintritt der Pubertät. Weder für die Mädchen
noch für die Burschen findet eine Jünglingsweihe statt, doch bildet das
erste Erlegen eines Caribu oder Seehundes ein wichtiges Ereignis im Leben
des Jungen. Die Mutter macht sich selbst ein paar Hosen aus dem erbeuteten
Caribufell, und das Seehundfleisch wird unter alle Familien der Siedlung
verteilt. Dadurch soll öffentlich angekündigt werden, daß der Bursche mannbar
und ein ernährendes Mitglied der Gemeinde geworden ist.
Heiratet ein Mädchen und verbleibt es in der Nachbarschaft, so zahlt
der Bräutigam nichts, da die Eltern sich weiterhin der Dienste ihrer Tochter
und ihres. Schwiegersohnes erfreuen. Wenn aber der Ehemann die Braut
nach einer anderen Gegend zu nehmen beabsichtigt, so hat er die Eltern
für den Verlust zu entschädigen. Dabei wird ein Abschiedsfest veranstaltet
and die Braut unter Weinen weggeleitet (Jess. 91, 159). Eine wohlerzogene
Braut muß immer Trauer zur Schau tragen, und manchmal ist der Bräutigam
gezwungen, sie mit einem Schein von Gewalt wegzuführen. Eigentlicher Frauenraub
kommt allerdings vor, jedoch hauptsächlich von Frauen, die verheiratet
sind oder waren, nicht von Mädchen gegen ihren und deren Eltern Wunsch,
Das erste oder zweite Jahr der Ehe gilt als eine Art Probezeit dafür, ob
beide zueinander passen, Das Mädchen kann in dieser Zeit ihren Ehemann
verlassen und zu ihren Eltern zurückkehren; dann aber muß das Kaufgeld
zurückerstattet werden. Oft kommt es vor, daß eine Frau selbst zwei oder
drei Mal im Jahr ihrem Mann davon läuft. Andererseits sind Fälle treuer
Anhänglichkeit keineswegs selten. Namentlich kommen Scheidungen nach
der Geburt eines Kindes kaum mehr vor, zumal die Frau dann immer auf
den Unterhalt durch ihren Mann rechnen kann. Aber auch bei kinderlosen
Ehen hat die Frau, selbst wenn geschieden oder wenn der Mann eine andere
Frau genommen hat, noch Ansprüche an ihn. Vielweiberei ist schon aus
dem Grunde selten, weil damit die Verpflichtungen vergrößert sind, und
namentlich auf Seite der Männer, die keine Frauen finden können, Eifersucht
und Mißgunst hervorgerufen wird. Wer mehrere Frauen hat, übernimmt
damit auch größere Verbindlichkeiten und Arbeiten. Er muß ein
Mann von großer Geschicklichkeit und Energie im Jagen sein und skrupellos
seine Stellung auch unter Anwendung von Gewalt behaupten können.
So war ein Mann mit Namen Uloksak, der 3 Frauen besaß, zweifellos intelligenter
als der Durchschnitt, stark und energisch und stand im hohen Ansehen
als geschickter Jäger und Schamane, obgleich in seinem Charakter
viel von einem Blender lag, so lange er nur mit seinen Landsleuten zu tun
hatte. Seine erste Frau unterstützte seine Position mit Würde; sie war eine
ruhige, freundliche Frau von Verstand und Urteil, eine ausgezeichnete Hausfrau
und sogar eine erfolgreiche Jägerin von Seehunden und Caribu. Uloksak
zog sie auch seinen anderen Frauen vor, doch hatte sie ihm keine Kinder