66 Theophilus Hahn :
artig wuchernden Ansichten verirren , welche z . B . die ostasia - tischen Völker zu den Jnkas von Peru in Beziehung setzen , oder die nordafrikanischen sogenannten hamitischen Völker ( Aegypter , Kopten , Bedscha , Abyssinier : c . ) mit den aller - südlichsten afrikanischen Völkergruppen ( Hottentoten und männer ) zusammenschweißen . Sie hat kein Proknstesbett ( — ä la Huxley — ) , in welches sie Neger , Bantu ( Kasir - Congo ) und Polynesier oder gar Papua hineinspannt ; sie weiß , daß zu einem Bau viele Steine gehören , und die Ziegel , welche sie zu dem großen Völkerpantheon der Zukunft streicht , sind die auf strenger Empirie und Thatsachen gegründeten Sp ecialnntersuchung en , die in scharfer Kritik die Feuer - probe bestanden haben * ) .
Dank dem unermüdlichen Eifer wissensdurstiger Forscher treten die Coutouren der afrikanischen Völkermosaik allmälig ans dem sündslnthlichen Nebel hervor . Scharf umgrenzt erscheinen die Typen der hamitischen Völker , die Fulah - und Nubarace , die Neger im engern Sinn , der Kafir - Congo oder Bantu , und die hotteutotische Familie . Dieser , und zwar ihrem verwahrlosesten Kinde , dem Buschmann , wollen wir im Nachfolgenden unser Augenmerk zuwenden .
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Jn dem südlichsten Theile Afrikas begegnen wir einer im unaufhaltsamen Verfall begriffenen Racenrnine ; sie wartet auf den letzten Hauch ihres unerbittlichen Geschicks , das sie von der Erde fortfegen foll . Es durchrieselt den Menschenfreund kalt und schaurig , wenn er den unaushalt - stimm Ruin der culturlosen Völker fortwährend mit ansehen muß , ohne irgendwie den grausen Gang der Völkergeschichte hemmen zu können . „ Der Mensch , " so seufzt der alttesta - mentliche Dichter schon , „ ist in seinem Leben wie Gras , blüht wie eine Blume auf dem Felde ; wenn der Wind dar - über geht , so ist sie nimmer da , und ihre Stätte kennt sie nicht . "
Diese Race ist die schon mehrfach im „ Globus " erwähnte hottentotische . Nachdem sie ihre nationale Urwüchsigkeit fast gänzlich eingebüßt hat , fängt man endlich in der letzten Stunde an , sich näher um dieselbe zu kümmern . Sie zer - fällt in zwei Hauptfamilien , deren eine sich bis znrStnfe eines strengen Nomadenlebens entwickelt hat . Von dem noch urwüchsigsten Stamme , den Nama - hottentoten , ist früher in dieser Zeitschrift die Rede gewesen . Die andere Familie ist über ein Jägerleben nicht hinausgekommen . Die einen nennen sich im Nama - dialekte Khoi - Khoin , d . h . Freund der Freunde , auch Mensch der Menschen ( Aboriginer ) , die anderen heißen Sä n oder Säg na ( Singular Masculiuum Säb , Femini - num Säs ) . Die Bedeutung dieser Benennung ist unklar ; die uns am nächsten liegende Erklärung ist „ Pariahs , Verworfeue , Gehetzte " , eine Deutung , welche durch die Thatfache begründet ist ; eine zweite Erklärung gäbe die Wur - zel sau , „ folgen " , wonach sie also die „ Knechte , Unter - würfigen " wären . Wallmann , der ehemalige Missions - iuspector der Rheinischen , dann der Berliner Mission , will Säb von der Wurzel sä , „ ruhen " , ableiten und erklärt daher „ die ( ursprünglich ) Seßhaften " . Auch diese Erklärung ist nicht zu verwerfen .
Die Kasirvölker nennen die Buschmänner Ab a to a ( mnnd - artlich Batoa , Basaroa , Barva ) , d . h . die Bogenmän - ner . Den Kasirn , welche sich ausschließlich der Wurfkeule ,
* ) Zu solchen Arbeiten rechne ich Waitz , Anthropologie der Na - tnrvölker ; den anthropologischen Theil der Novara - Erpe - dition und den vortrefflichen Missionsatlas , den man füglicher „ Eth - no logischen Atlas " nennen könnte , herausgegeben von Dr . R . Grundeinann . Gotha . Jnstes Perthes , u . a . m .
Die Buschmänner .
des Speers und Schildes bedienen , fiel beim ersten Znsam - mentressen der , für den Buschmann so charakteristische , Bo - gen sofort auf . Diese unscheinbare Waffe wird in den Hän - den des Buschmanns von furchtbarer Bedeutung ; die vergif - teten Pfeile desselbeu fürchtet Hotteutot uud Kasir ungleich mehr , als die Kugeln der Boers .
Als besondere Buschmannsstämme sind die ! Khnai zu nennen , welche in der nördlichen Capcolonie wohnen , dann die jNüsa in der südwestlichen sKarri - sKarri ; die Na - senstockträger — sie tragen einen Pflock von Holz durch die Nase — in der westlichen sKarri - sKarri , und in den westlichenNgamigebieten die Kasarere und Babo - mantsu uud andere .
Der Name Buschmänner rührt von den ersten Colo - nisten her ; in den ältesten Acten des Caplandes heißen sie Bosjesman , Bosmaneken , Bosiesman und Bushman , auch Bos en land Stroopers , d . h . Strolche oder Gaudiebe . Außerdem aber kommen auch dort schon die Namen Snnqna , Sanuqua , Soangna , Sonqna vor , welche mit dem obigen Sän oder ©aqua identisch und nichts weiter als mnndart - liche Unterschiede sind .
Auf keiner Cnltnrstufe gilt gerade die umgebende Natur mehr als Kriterium der Entwickeluugshöhe und Fähigkeit , als bei den ausschließlichen Jägervölkern . Neuhollands Ur - einwohner und die Rothhäute der neuen Welt bestätigen diese Behauptung . Wie die Gemüthsart und der Charakter der ersten Erzieherin des willenlosen Kindes wesentlich bestim - mend für die Benrtheilnng seines Wesens ist , dagegen ein gereisteres Alter , unterstützt durch den bereits erstarkten Wil - len , mit selbständiger Urtheilskraft eigenen oder fremden Nei - gnngen sich hingiebt und mit Ueberlegnng fremde Elemente zu seiner Weiterbildung verarbeitet ; so wird anch , besonders bei der culturgeschichtlichen Betrachtung dieser Wilden , gegen - über den höher organisirten Hottentoten aus der einen und Bantu auf der andern Seite , der Charakter der Natur in Rechnung gezogen werden müssen .
Es ist nicht unwahrscheinlich , daß in jener vorhistorischen Zeit , wo das hottentotische UrVolk ( welches wir , nach Analogie des jetzt landläufigen „ Jndogermanen " gebildet , Satsi - khoi - khoin nennen wollen ) sich in zwei Familien schied , bevor noch die Kafir - Congo - Jnvasion nach Süden stattgefunden hatte , die Domäne desselben ganz Südafrika südlich von den Flüssen Sambesi und Kunens gewesen ist . Hierfür sprechen die Mythen und Sagen beider Racen ; denn Mukuru , das höchste Wesen und der Stammvater der Ovaherero , der Jnkulunkulu der Amasulukasir , uud Mo - rimo , der Stammvater der Betschnanen , wohnen , so sagen die Leute , im Norden . Darauf hat auch die Sitte Bezug , die Todten mit dem Gesichte nach Norden zu beerdigen , wäh - rend die Hottentoten deren Gesicht und Füße stets nach Osten wenden , und ebenfalls den Ausgang ihrer Wohnungen der aufgehenden Sonne entgegenkehren . Ob der Glaube der Hereros und Betschnanen , wonach „ die Menschen aus der Pflanzenwelt hervorgegangen sind " , etwa dahin zu deu - ten ist , daß sie aus einer baumreichen Gegend gekommen , bleibe dahingestellt , aber jedenfalls bestätigt die Verehrung des Omumborombongä oder Ahnenbaums bei den Hereros die Einwanderung von Nordosten . Je mehr man nämlich nach jener Himmelsgegend vordringt , um so häufiger wird dieser Baum angetroffen . Schon Cavazzi berichtet in feiner Beschreibung der Königreiche Congo , Angola u . s . w . wiederholt von Verehrungen einer bestimmten Baumgattung , und diese Völker sind die Racenverwandten der Herero . Der Hauptstoß gegen die Hottentoten kam von Nordosten . Beson - ders im Osten sind die Kafir fehr tief vorgedrungen , bis ihnen endlich die überlegene europäische Waffe Einhalt gebot .