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Die Sage vom Fliegenden Holländer 307
Die Fassung der Sage aus dem Morgenblatt ist F. Nork bekannt gewesen, der seine
Nacherzählung in der Schriftenreihe Das Kloster 33 jedoch an die Mitteilung der Sage im
Ausland anlehnt. Während im Ausland der historische Kern der Sage (um Bernard (!) Fokke)
betont wurde, schließt Nork — eigentlich erstaunlicherweise, denn er überbetont sonst
das Mythische — einen Abschnitt an, den er überschreibt: Luftspiegelungen erklären das
Schiffermärchen vom „Fliegenden Holländer“. Nork stützt sich dabei ausschließlich auf
den Bericht des englischen Kapitäns Owen. 33 34 Die Version Norks geht somit unmittelbar
auf literarische Vorlagen zurück.
Die vielfältige und unterschiedliche Rezeption und Gestaltung der Sage erhellt
die Anziehungskraft, ja Faszination des Sujets. In der zweiten Hälfte des 19. Jahr
hunderts indes geht die literarische Beschäftigung mit dem Thema zurück, und auch
in der Überlieferung werden die Zerfallserscheinungen deutlich sichtbar.
1867 bietet in der Zeitschrift Daheim Korvettenkapitän Werner — vielleicht noch aus
Erinnerungen — die Holländersage einem bürgerlichen Leserpublikum als Schauer
geschichte an. Um die Schreckens vollen Züge noch schärfer hervortreten zu lassen, wurde
betont, aber sicher wohl nicht erstmalig in dieser Fassung, daß der Holländer am Karfreitag
in See gestochen wäre. In der Tracht des 17. Jahrhunderts sollte der am Kap Verwünschte
am Mast seines Schiffes lehnen, Gefahr und Untergang bringen. Der Name des Kapitäns
lautet in dieser Version van Straten. Julius Wolff stellt unheilvolle Begegnungen mit dem
Geisterschiff in den Mittelpunkt einer „Schauerballade“ (1892). 35 Der Fliegende Holländer
in dem gleichnamigen historischen Roman Albert Emil Brachvogels (1897) ist ein Geuse,
der gegen die spanischen Schiffe kämpft. Bei der Vernichtung der Armada fällt dem Geusen
Dietrikson der Todfeind in die Hände, und der Unerbittliche hängt den Spanier lebendig
ins Topp unter das schwarze Banner. Nur eine Schar Getreuer bleibt an Bord bei dem
harten holländischen Kapitän, der mit dem Schiff entsegelt und verschollen bleibt. Nach
dem Glauben der Seeleute soll das Schiff jedoch im Sturme wieder auf tauchen, wie von
unsichtbarer Hand gelenkt, ein Skelett hoch am Maste.
Bei seinen Untersuchungen über den Seemannsglauben trug der Marinepfarrer
Heims mehrere divergierende Sagenvarianten und Sagenrudimente zusammen. In
seinem unter Fahrensleuten der Tiefwassersegler gewonnenen Material spiegeln sich
sowohl die Variationsbreite wie auch das allmähliche Verlöschen der Tradition
wider.
Heims, dem es mehr auf den Glaubensgehalt ankam, hat darauf verzichtet, die ge
schlossene Erzählung aufzunehmen und ihren poetischen Wert darzustellen. Daher
gibt er nur — allerdings interessante — Sagensujets und -Splitter wieder. Der Fliegende
Holländer erscheint als ein Leuteschinder und hat dadurch den Fluch auf sich ge
zogen, 36 eine Motivation, die wohl „vor dem Mast“ gefunden wurde. Der Holländer
verschwindet in Nebel und Gewölk. Das Schiff erscheint bei Sonnenuntergang in
fahlem Licht — ähnlich wie in Coleridges Poem, ohne daß unmittelbare Beziehungen
nachweisbar sind. Der Holländerkapitän muß umherkreuzen, bis christliche Seeleute
auf dem geenterten Schiff eine Seelenmesse halten; eine Erlösung also durch christ
liche Gnadenmittel ähnlich wie bei Marryat, vielleicht aber auch zum Wohlgefallen
33 Mythologie der Volkssagen und Volksmärchen. Hg. von J. Scheible. Stuttgart 1848,
936 — 944 (— Das Kloster 9).
34 Capitain Owen’s Narrative of Voyages to explore the shores of Africa. 2 Vol. London
1833.
35 Seespuk.
36 Als solcher auch bei Wossidlo, Reise, Quartier, in Gottesnaam. 2. Bd. 236.