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Wolf von Metzsch - Schilbach : Zur Volkskunde der Liven .
„ Wer hebt des Hundes Schwanz auf als er selbst“ und : „ Bald zanken sich die Hunde , bald wieder lecken sie“ , meint geringschätzig der Live , während er die obachtung verallgemeinert , indem er im Sprichwort sagt : „ Zwei Hunde bei einem Knochen vertragen sich nicht“ .
„ Füttere nun noch den Hund , wenn der Wolf schon da ist , “ lautet ein anderes Sprichwort , welches wohl ohne Erklärung verständlich erscheint , wie die folgenden , die wir deshalb einfach der Reihe nach zählen wollen :
„ Ein stilles Schwein gräbt tief . “
„ Der Rabe ist gewaschen ebenso , wie nicht waschen . “
„ Frage nicht den Alten , frage den Verständigen . “
„ Der Bart ist gewachsen , der Verstand nicht ebenso“ .
„ Der Baum , welcher knarrt , fällt nicht sobald . “
„ Die Thoren haben das Herz im Munde , aber die Weisen haben den Mund im Herzen“ .
„ Ein kleiner Rasenhügel wirft ein grofses Fuder um . “
„ Wo ein niedriger Zaun ist , will jeder steigen . “
Wenn auch nicht neu , so doch durch Form oder satz eigenartig sind die folgenden Sprichwörter der Liven :
„ Wenn jeder vor seinen Thüren fegte , so wäre auch die Strafse rein . “
„ Wenn du kaufst , was nicht nötig ist , so wirst du bald verkaufen müssen , was nötig ist . “
„ Nicht das mufs man kaufen , was nötig ist , sondern das , ohne welches man nicht sein kann . “
Noch vieles Schöne vermag derjenige in diesen Sprichwörtern und Rätselfragen zu finden , welcher sie in der Ursprache kennen lernt . So sagt zum Beispiel der Live für : „ Heute rot , morgen tot“ , „ Heute König , morgen tot“ , und thut dies des Gleichklanges der Worte „ konig“ und „ küolon“ wegen , der sich ähnlich bar macht wie in dem deutschen Sprichworte . Ebenso ists mit dem Sprichworte , welches unserem deutschen : „ Ein Mann , ein Wort“ entspricht . Hier sagt der Live : „ Mies tutab , mies tieb“ , ein Mann verspricht , ein Mann thut . Dasfelbe läfst sich endlich auch von verschiedenen der Rätselfragen sagen , hier nur ein Beispiel , das erwähnte : „ Fünf und fünf Ställe , eine und eine Thür“ , lautet im Livischen : „ Viz viz talT , uks uks uks“ und so allitte - riert und reimt sich noch vieles in den zahlreichen Rätseln , Fragen und Sprüchen .
Überhaupt treten uns aus dem Sprachschätze und namentlich im Umgänge mit den Liven unzählige , schön gedachte , bildliche Bezeichnungen entgegen , die von dem regen Geistesleben dieses weltabgeschiedenen Volkes , beredtes Zeugnis ablegen . Wenn z . B . der livische Fischer einen grofsrednerischen Menschen einen „ fall“ nennt , so ist das hierin sich bergende Gleichnis der Art eines solchen Menschen mit dem Tosen und Toben eines Wasserfalles , welches doch von einer nur wöhnlichen , im stillen Laufen unauffälligen Wassermenge herrührt , entschieden als durchaus glücklich zu zeichnen .
Es würde uns zu weit führen , eine gröfsere Anzahl solcher bildlicher Bezeichnungen als Belege für unsere Behauptung hier anzuführen , nur auf eine möchten wir noch hinweisen , die nämlich eines schwatzhaften schen mit der scherzenden eines „ Apostels“ . Dies möge daraus erklärt werden , dafs das einzige den Liven gängliche und in ihrer Sprache gedruckte „ Buch“ , welches vor Jahren am Strande von Domesnäs geltlich verteilt wurde , das Evangelium Matthäi ist und so mag es denn geschehen sein , dafs der Erzähler und der Apostel den Liven in einer Person erschienen ist .
Da ein livischer Aberglaube es verbietet , beim Fischen auf dem Meere von Fleisch und Blut , sowie überhaupt von Tieren zu reden — die Meermutter würde sonst die Netze zerreifsen und den Fang verderben — , so wählt der Live auch hier stets bildliche Bezeichnungen , die ausnahmslos als durchaus treffend bezeichnet werden können , so nennt er „ Blut“ nach dem roten Holze „ Erle“ , die Mäuse „ Wandbewohner“ , das Eichhörnchen „ Holzspringer“ , den Wolf „ Klauenmann“ , den Bären „ Breitpfote“ , die Katze „ Stabschwanz“ u . s . w .
Zum Schlufs wollen wir noch einiger von Wiedemann gebotener , von ihm aber nicht weiter kommentierter kleiner Erzählungen gedenken .
Wir haben im Deutschen eine Redeweise , nach der man sich „ den Mund verbrennt“ , indem man etwas Ungereimtes oder Voreiliges sagt . Dem scheint eine Auffassung der Liven zu entsprechen , nach welcher man sich durch das Anhören solcher Reden „ die Ohren brüht“ . Auf diesen Gedanken kommt man lich in Betrachtung einer Scherzrede , die J . Prinz jun . für Sjögren aufgeschrieben hat und welche Wiedemann zu den Sprichwörtern zählt .
Jene auf diese Weise uns übermittelte , kleine rede lautet in der Übersetzung : „ Mein Vater hatte mal eine weifse Stute , und ging damit aufs Feld pflügen , da fand er ein kleines Kästchen , er machte den Deckel des Kästchens auf , und in dem Kästchen lag ein Hase , und der Hase hatte gebrühte Ohren und wer dies hören will , der wird eben solche gebrühte Ohren haben . “
Als nur bei den Liven , nicht auch bei den nachbarten Letten bekannt , bezeichnet der Lehrer Prinz zu Pissen , einem livischen Dorfe , acht lungen , von welchen wir die folgenden hier geben : „ An einem windigen Sonntagabend , da kein
Fischer aufs Meer gehen konnte , prahlte ein betrunkener Fischer an dem Ufer und sagte : „ Wenn doch der Teufel selbst käme , so wollte ich mit ihm auf das Meer gehen . “ — Und es dauerte auch gar nicht lange , als es schon etwas Dämmerung geworden war , da kam der Teufel und sagte : „ Wenn du nun ein Kerl bist , so
komme mit mir , denn hier bin ich nun selber . “ — Und er ging . Und da sie kein Boot hatten und auch kein Netz , so zog der Teufel aus dem Ufersande ein Stück von einem alten Schiff ihnen zum Boote , und einen alten Fischkorb nahmen sie auch mit , statt eines Netzes . Und als sie aufs Meer gegangen waren , so ging der Teufel mit dem Korbe in die Tiefe und brachte Fische herauf . Und der Teufel sagte dem Fischer , dafs er von diesen Fischen nicht dem Schmied geben solle . Und der Mann suchte die besten Fische aus und schickte sie dem Pastor . Sobald die Fische weggeschickt waren , kam der Teufel wieder zu dem Manne und sprach : „ Warum schicktest du die Fische dem Schmied ? “ — Der Mann antwortete : „ Ich schickte sie ja nicht dem Schmied , ich schickte sie ja dem Pastor . “ — Da sagte der Teufel : „ Nun , das ist mir ja eben der Schmied ; hast du denn nicht gehört , was er jeden Sonntag mit mir thut , wie er mir auf das Fell hämmert , dafs das Fell noch manchen Tag hinterherglüht ? “
Die Auffassung des Pastors als eines Schmiedes , der den Teufel bearbeitet , ist in sprachlicher Hinsicht besonders interessant , denn sie entspricht durchaus der Sprech - und Denkweise der Liven . Bei ihnen heifst der Tischler neben dem augenscheinlich aus dem schen übernommenen „ tisler“ oder dislar , pü - sepä = Holzschmied ; der Schloss er votim - sepä = schmied ( neben dem Deutschen slessar ) ; der Böttcher put - sepä = Tonnenschmied ; der Töpfer padäd - se pä