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Dr . Adolf Fritze : Reis
e im südwestlichen Jezo .
in der Tiefebene nicht ohne Schleier und Handschuhe reisen kann . Dabei ist der Stich einer ganzen Reihe von Arten recht schmerzhaft , besonders der einer großen Art , deren Stich dnrch die Kleider dringt . Je weiter man indes in die Höhe kommt , um so weniger machen sich die Fliegen bemerkbar .
Landschaftliche Schönheiten bietet der Hokkaido , wie Jezo von den Japanern genannt wird , in Hülle und Fülle . Eine Kette von Vulkanen , teils thatigen , teils erloschenen , durch« zieht das Land , unter ihnen der etwa 2500 m hohe To - kachi - Take , malerische Gebirgsseen finden sich in den ver - schiedensten Teilen der Insel , große , fischreiche Flüsse , wie der Jshikari und Teshio , durchströmen das wellennmranschte Eiland , an dessen Küsten und Flußufern die Reste eines eigenartigen , im Erlöschen begriffenen Volksstammes wohnen , die Aino .
Wohl gab es eine Zeit , in welcher die Aino ein mächtiges , weit verbreitetes Volk waren , und in der Gegend von Omori bei Tokio findet man gelegentlich Steine , welche ganz ähnliche Verzierungen zeigen , wie die , welche die Aino noch heute auf ihren Kleidern und Geräten anbringen . Aber um das Ende des ersten Jahrhunderts nach Christo stießen sie mit den von Süden vordringenden Japanern zusammen , und die größere Intelligenz , die besseren Waffen der letzteren trugen den Sieg davon . Wohl suchten in jahrhundertelangen , blutigen Kämpfen die bisherigen Herren des Landes sich der Eindringlinge zu erwehren : umsonst , immer weiter wurden sie zurückgetrieben , und heute finden wir ihre letzten Reste im südlichen Teile von Sachalin , auf einigen Inseln der Kurileu - Gruppe , und vor allem auf Jezo .
Aber sie sind nicht mehr die Herren des Landes . Jezo und die Knrilen gehören zum japanischen Reiche , Sachalin zu Rußland , und in Jezos herrlichen Urwäldern räumen das Feuer und die Axt japanischer Kolonisten auf . Eine bahn verbindet den Hafen Otarunai au der Westküste mit der japanischen Hauptstadt der Insel , Sapporo , und diese mit den Kohlenbergwerken von Poronai - buto , eine weitere ist im Bau begriffe« nach der entstehenden neuen Hauptstadt Kamikawa ; wohl im staude gehaltene Heerstraßen durchziehen einzelne Teile der Insel , und immer neue Ansiedler komme« ans dem japanischen Süden herüber . Aber noch durchstreift der gewaltige Jezo - Bär in ungezählten Stücken den Urwald , noch steigen die dichten Scharen der Lachse in die Flüsse auf - wärts , uud ihnen stellt der Aino nach mit dem Feuergewehr oder Pfeil und Bogen , mit dem Netze oder der Harpune .
Ich hatte diesem eigentümlichen - Fischer - und Jägervolke schon einen Besuch an den Stromschnellen des Jshikari ge - macht , ich hatte es kennen gelernt gelegentlich eines Festes in Sapporo und wollte zum Schluß meines 3^ monatlichen Aufenthaltes auf Jezo noch eine Strecke der Südküste der Insel besuchen , wo die Aino verhältnismäßig dicht wohnen . Mein ursprünglicher Vorsatz war , etwa zehn Tage auf diese Reise zu verwenden , unerwartete Umstände riefen mich indes früher uach Tokio , als ich erwartet hatte , und so wurde die Dauer derselben auf fünf Tage beschränkt .
Ehe ich iudes zur Schilderung der von mir bei dieser Gelegenheit durchzogenen Gegend und zur Besprechung der Aino übergehe , will ich mit wenigen Worten die Fauna von Jezo berühren und die Tierwelt der Aino - Jnsel mit einigen groben Striche» skizziere» .
Das für Jezo am meisten charakteristische Tier ist der Bär , der von einigen für identisch mit dem Grisly - Bären Nordamerikas ( Ursus ferox ) , von andern für eine große Varietät des gemeinen Landbären ( Ursus arctos var . be - ringiana ) gehalten wird . Auf der Hauptinsel fehlt er , während anderseits der kleine japanische Bär ( Ursus japoni - cus ) ans Jezo nicht vorkommt . In kolossaler Menge be - völkerte früher auch der japanische Hirsch ( Cervus sika ) die
Insel ; berichtet Böhmer doch , daß im Winter 1874 bis 1875 allein in der Provinz Hidaka an 30 000 Hirsche getötet wnrden . Jetzt ist , dank der vortrefflichen Kolonisatious - Methode der Japaner , dieses schöne Tier beinahe ausgerottet , und die Bären müssen sich nunmehr an die Pferde halten . Von charakteristischen japanischen Säugetieren fehlt der Affe ( Inuus speciosus ) , der nördlich bis zur Tsugaru - Straße vorkommt .
Unter den Vögeln fällt namentlich auf das Fehlen der in Japan so häufigen Fasanen , auch für sie bildet die Tfugarn - Straße hier die Nordgrenze . Dafür tritt im Winter Massen - hast das Haselhuhn ( Tetrastes boaasia ) auf , das auch auf Sachalin sehr häufig ist , dagegen der Hauptinsel fehlt .
An Reptilien ist Jezo sehr arm , die wenigen , in geringer Jndividnenzahl vorkommenden Arten sind mit denen der übrigen japanischen Inseln identisch . An Fröschen ist in Jezo kein Mangel , dagegen fehlen die Salamandridengattnngen Cryptobranchus , Onychodactylus und Ellipsoglossa .
Unter den Fischen sind änßerst wichtig die lachsartigen Fische , von denen in den Flüssen Jezos sechs oder sieben Arten vorkommen ; sie bilden einen Hauptexportartikel der Insel .
Auf die zahlreich vertretene , hochinteressante Gruppe der Insekten kann ich hier nicht näher eingehen , neue , schöne , teilweise der Insel eigentümliche Formen treten ans , während eine Reihe japanischer Arten verschwindet , die Käfer zeichnen fich namentlich aus durch ihre große Jndividuenanzahl . Ferner machen sich recht unangenehm bemerklich , wie schou gesagt , die ungeheuren Massen von Fliegen , welche nachts durch die Moskitos abgelöst werden .
Im großen und ganzen läßt sich der Charakter der In - sektensanna von Jezo in die Worte zusammenfassen : Die auf der Hauptinsel uoch zahlreich vertretenen tropischen und subtropischen Formen und Färbungen verschwinden anf Jezo oder finden sich doch nur noch in sehr verringertem Maße . An ihre Stelle treten nordische Formen , welche sich im gemeinen dnrch geringere Körpergröße uud dnnklere Farben - töne von jenen unterscheiden .
Von den übrigen Tierklassen fällt keine in so hervor - ragendem Maße in die Augen , daß sie hier erwähnt werden müßte .
Weudeu wir uns nach diesem kleinen Ausfluge auf fauni - stisches Gebiet nunmehr meiner Reise selbst zu .
Am 2 . September 1890 , morgens 7 Uhr , brach ich von Sapporo auf iu Gesellschaft eiues Herrn Kowase , eines höheren Postbeamten , den mir der Generalgouverneur der Insel , General Takayaina , als Führer , Dolmetscher und Reisemarschall mitgegeben hatte . Da er mit einem würdigen und znvorkommenden Wesen Kenntnis des Landes und eine verhältnismäßig große Sprachgewandtheit verband — Herr Kowase sprach außer seiner Muttersprache fließend englisch und etwas Ainosprache — so paßte er vortrefflich für eilte» Auftrag , wie der ihm zu Teil gewordene .
Für uns selbst hatte ich eine Art Break gemietet , ein bei jebent Stein stark stoßendes Vehikel , in welchem anßer unfern Personen das notdürftigste Gepäck , unsere Gewehre , Mnni - tiou uud Lebensmittel Platz fanden , das Gros der Bagage wurde nach langem resultatlosen Probieren mit Packpferden anf einem andern gewöhnlichen Wagen transportiert , mit dem Rest uud meinen Sammluugeu war mein Diener in meinem alten Quartier zurückgeblieben , er sollte erst in einigen Wochen nachkommen .
So traten wir denn bei leidlichem Wetter und gutem Humor die Reise an . Der Weg führte uns Hügel auf , Hügel ab auf breiter Chaussee durch schönen Wald , bis wir gegen 101 / . 2 Uhr Shimamadsn erreichten . Hier hat ein strebsamer Japaner sich eine reizende Niederlassung gegründet .