Kriegs - und Schlachtensagen aus dem Marchfelde .
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in die Schürze . Der Müller streifte die Münzen in ein Mehlinass und widerte kalt : „ Seht , das wiegt in der schweren Zeit weniger als ein gleiches Mass Mehl . Bringt mir noch fünfmal soviel und ich will Euch geben , was gerecht ist ! “ Traurig ob der harten Rede kehrte der Priester zu den Seinen zurück und als diese von dem herzlosen Menschen erfuhren , waren sie zu Tode betrübt . Ein jedes suchte nach seinem letzten Sparpfennige , aber es langte nicht . Run fielen sie in ihrer Not auf die Knie und beteten im Vereine mit ihrem Seelenhirten inbrünstig zu Gott im Himmel um Rat und Hilfe . Und siehe da ! Kaum hatten sie ihr Gebet vollendet , so glirrte und glitzerte es in den Gängen und Erdkammern gar sonderbar . Die Tauperlen an den Lösswänden hatten sich vor aller Augen in silberne und goldene Münzen verwandelt und fielen den Ratlosen in den Schoss . Alle aber lobten den Herrn ob dieses Wunders , und der Priester kaufte nun Brot , dass sie sich daran satt essen konnten . 1 )
10 . Mörderhände .
Die bösen Kuruzzen hatten vor gar nichts Scheu , was den Christen heilig war . Einmal drangen sie auch in die Dreifaltigkeitskirche zu Drösing ein . Die Leute sangen gerade zur Messe . Wie wütend stürzten sich die Räuber auf die wehrlosen Bauern und ermordeten viele . Dem Priester aber schnitten sie die Zunge aus dem Munde und riefen : „ Du magst stumm bleiben wie der Fisch ! Euern Kindeskindern aber wollen wir dies zum zeichen hinterlassen ! “ Bei diesen Worten drückten sie ihre bluttriefenden Hände an die Kirchenwände . Und wirklich ! Diese Mörderhandspuren sind bis heute geblieben . Die alten Drösinger haben sie schon übertünchen lassen , allein die Male schimmern noch immer durch . Der alte Dorfmesner will sogar jüngst die Namen jener Gottlosen in den Handspuren gelesen haben .
11 . Madonna in den Schanzen .
Von Stammersdorf bis Esslingen ziehen sich lange Erdschanzen [ Taben ] hin , welche Wien schützend in weitem Bogen umrahmen . Einmal lag der Feind vor den Thoren der Hauptstadt und da waren diese Schanzen die verlässlichste Wehr für unsere Soldaten . Am Vorabende der blutigen Schlacht bei Aspern1 2 ) soll es gewesen sein , da stand auf der Schanzenhöhe
1 ) Über die grosse Hungersnot im Marchfeld : Leeb , Sagen N . - Österr . , Wien 1892 ,
S . 99 . Aus den Halmen des Dachstrolies schnitt man die Glieder heraus und stampfte sie zu Mehl . Auf den Rasenplätzen lagen die Menschen umher , den Mund voll Gras und tot , andere waren an den Zäunen und Setzlingen nagend verhungert . Eine Wechselsage leitet den Ursprung des beliebten „ Kletzenbrotes“ von einer Hungersnot her , in der die Menschen aus allerhand Abfällen ein Mischbrot buken . R . Weissenhofer in „ Die österr . Monarchie in Wort und Bild“ , S . 216 .
2 ) Pfmgstsamstag , 20 . Mai 1809 .
Zeitschr . d . Vereins f . Volkskunde . 1899 .
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