Da ist der Michel auf gewacht und hat sie auf den Schub gebracht
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ins Leben gerufen. 46 Der Verband zeichnete sich durch einen militanten völkisch
rassischen Antisemitismus aus. Zu den willkommenen Gästen auf Vortragsveran
staltungen zählte auch Adolf Bartels (1862—1945), zum Beispiel zum Thema
„Judentum und deutsche Literatur“. 47 Sein Name läßt den Volkskundler aufmer
ken. Bartels war neben Friedrich Lienhardt einer der profiliertesten Programmati
ker und Propagandisten der „Heimatkunstbewegung“, brachte diese aber schon
frühzeitig „durch seinen antisemitischen Fanatismus und Verfolgungswahn in
Verruf' 48 49 . Die Wortführer dieser um 1900 entstandenen Bewegung bräuchten wir
heute kaum mehr ernst zu nehmen, hätten sich deren zahllose Schriften nicht in
der praktischen Pädagogik, „in der Heimatkunde, der Heimatgeschichte und in
den Lesebüchern aller Schulgattungen und Schulklassen niedergeschlagen“ 48 und
über die Weimarer Zeit hinaus bis in die 30er Jahre weitergewirkt.
Gerade die Langzeitwirkung der auf die akademische Jugend jener Jahrzehnte
gerichteten antisemitischen Agitation wird man kaum überschätzen können. Der
Kyffhäuser-Verband und die angeschlossenen Vereine deutscher Studenten hat
ten gewiß eine „Schlüsselstellung in der Verbreitung der Judenfeindschaft“: Sie
waren „die studentischen Vermittler für die übrige organisierte Studenten
schaft“ 50 . Aber auch die nicht dem Verband angeschlossenen studentischen Ver
bindungen hatten sich dem Antisemitismus der einen oder der anderen Färbung
verschrieben und der Aufnahme von Juden verschlossen, die Burschenschaften
mit betonter Offenheit, die Korps gelegentlich etwas diskreter aber nicht weniger
konsequent: „Sie haben den Nachwuchs gebildet, sind prächtig herangewachsen
und bilden für uns die größte Gefahr, denn sie sind durchseucht von dem in den
Jahren geistiger Entwicklung aufgenommenem Gifte!“ 51 Detlef Grieswelles Fest
stellung, daß die „traditionsreichsten und der Mitgliederzahl nach größten Stu
dentenverbindungen, die Burschenschaften, Corps und Landsmannschaften“ zu
46 Hedwig Roos-Scbumacher, wie Anm. 40, 290 ff. In den Jahren 1910—1913 wurden mehr als 20
deutschvölkische Organisationen gegründet, 1910 z. B. noch der Deutschvölkische Schriftsteller
verband und der Deutschvölkische Bund Urda, vgl. hierzu Uwe Loh ahn, Völkischer Radikalismus,
Hamburg 1970, 30.
47 Hedwig Roos-Scbumacher, wie Anm. 40, 292.
48 Klaus Bergmann, Agrarromantik und Großstadtfeindschaft, Meisenheim a. Glan 1970, 102, 107,
110. Zu Bartels, der Heimatkunstbewegung und deren Umfeld vgl .]ochmann, wie Anm. 12, 444 f.
und 468 ff. (ad Heimatdichtung, Jugendbewegung, Wandervogel, „Alldeutsche Bewegung“).
49 K. Bergmann, wie Anm. 48, 121.
50 Detlef Grieswelle, Antisemitismus in deutschen Studentenverbindungen, in: Student und Hoch
schule im 19. Jahrhundert. Studien und Materialien, Göttingen 1975, 369, 372.
51 Maximilian Horwitz, (Erster Vorsitzender des 1893 gegründeten „Centralvereins deutscher Staats
bürger jüdischen Glaubens u. Präsident des Verbandes der deutschen Juden), in: Im deutschen
Reich IV, Nr. 4, April 1898, 179. Zit. nach: Arnold Paucker, Zur Problematik einer jüdischen
Abwehrstrategie in der deutschen Gesellschaft, in: Juden im Wilhelminischen Deutschland, hg.
von Werner E. Mosse, Tübingen 1976, 536.