200
Besprechungen
jedes Bild der vorgestellten Epoche auch in der BRD unglaubwürdig erscheinen würde. Aber durch
Begriffe wie „Maschinenzeitalter“ und „Industriekultur“ verstellten die Autoren sich selbst und dem
Leser den Blick auf das Wesen und die historische Determiniertheit der kapitalistischen Gesell
schaftsordnung. Und ihre Hoffnung auf jene Kräfte des Volkes, die schon damals „dafür gekämpft
und gelebt haben, daß heute das deutsche Volk politisch mündig und moralisch verantwortlich
sein Leben und seine Ordnung selbst gestalten kann“ (S. 7), impliziert zumindest demokratische und
geschichtsperspektivische Illusionen. Sowenig man den meisten Autoren des Bandes das Bemühen
um ein demokratisches Geschichtsbild abstreiten kann, so sehr drängt sich andererseits die bürger
lich begrenzte Geschichtsideologie auf: Die politische und gesellschaftliche Ordnung der BRD wird
als Gewähr und der Kapitalismus als historischer Rahmen für einen zwar konfliktreichen, aber
durch Reformen möglichen und anzustrebenden Modernisierungsprozeß der „Industriekultur“ aus
gegeben.
Diese politisch-ideologischen Grundkomponenten des Geschichtsbildes prägen und verzerren denn
auch vielfach die historiographische Faktenvermittlung, -bewertung und -einordnung, Der Aufstieg
der Bourgeoisie zur herrschenden Klasse nach einer gescheiterten Revolution und in Richtung auf
den Klassenkompromiß mit der Feudalklasse, die vor allem hierdurch geformten bourgeoisen Denk
muster, Lebensstile, Herrschaftspraktiken und öffentlichen Äußerungen einer ebenso antidemokrati
schen und nationalistischen wie repräsentationshohlen und romantisch kostümierten Parvenükultur
werden zwar mit kritischer Distanz sichtbar gemacht und im ganzen richtig in die herrschende Kul
turentwicklung des Kaiserreichs eingeordnet. Allerdings werden auch vereinzelte sozialreformerische
Aktivitäten von Nürnberger Großunternehmen beifällig hervorgehoben und überbewertet. Dagegen
bleibt die Arbeiterbewegung und die proletarische Kultur das Stiefkind der Darstellung. Daß Nürn
berg seit dem Vereinstag der deutschen Arbeitervereine, der 1868 hier tagte und sich der I. Inter
nationale anschloß, zu einem Vorort und später zu einem Zentrum der sozialdemokratischen Partei
und Gewerkschaftsbewegung wurde, wird zwar nicht verschwiegen. Aber die revolutionären und
sozialistischen Strömungen in der Arbeiterbewegung und ihre Nürnberger Repräsentanten und
Kräfte werden ausgeklammert, der historische Bezug der Nürnberger Arbeiterbewegung und solcher
reformistischen Wortführer wie Karl Grillenberger zur Entwicklung der Gesamtbewegung wird nicht
hergestellt. Die Schilderung und Bewertung der proletarischen Kulturbewegung verbleibt innerhalb
der stereotypen Formeln der sogenannten Arbeiterkulturforschung, d. h. vor allem bei der Auffas
sung von der bloßen Imitation bürgerlicher Kulturformen, und geht an der Aufdeckung der Anta
gonismen und Alternativen zur herrschenden Kultur vorbei. Durch den gesamten Band zieht sich
die mehr oder weniger offen ausgesprochene Tendenz, einen geradlinigen historischen Prozeß in
Richtung auf die vermeintliche „Integration“ der Arbeiterklasse in die „Industriekultur“ und die
Entwicklung der Arbeiterbewegung zur sozialreformerischen „Volkspartei“ vorzuzeichnen. Wer jedoch
heute in der BRD nach historischen Alternativen und demokratischen Lösungen der unversöhnlichen
Gegensätze imperialistischer Herrschaft und Kultur ernsthaft sucht, sollte vor allem das kämpferische
politische wie kulturelle Erbe der Arbeiterklasse wahrheitsgetreu und umfassend herausarbeiten.
Gerade das aber bleibt die vorliegende Publikation uns schuldig.
PETER SCHUPPAN, Berlin
PETER N. STEARNS, Arbeiterleben. Industriearbeit und Alltag in Ruropa 1890-1914. Mit einem
Vorwort von Helga Grebing. Frankfurt a. M./New York, Campus-Verlag, 1980. 391 S.
Peter N. Stearns legt eine vergleichende Untersuchung zum Wandel der Arbeits- und Lebens
bedingungen des Proletariats in England, Frankreich, Belgien und Deutschland in der Zeit von
1880 bis zum ersten Weltkrieg vor. Damit hebt sich seine Studie zumindest in zweierlei Hinsicht
von ähnlichen Arbeiten ab. Zum einen sind bisher kaum Forschungen zu diesem Thema bekannt, die
über den Rahmen einzelner Fabriken, Berufsgruppen, Gewerkschaften, Regionen oder einer natio
nalen Arbeiterklasse hinausgehen und den internationalen Vergleich anstreben. Auch von marxisti
scher Seite sind neben den Schriften von Marx, Engels, Bebel, Luxemburg und Lenin, aber auch
z. B. von Otto Rühle, die sich auf die internationale sozialwissenschaftliche Literatur und Statistik