Page Banner

Full Text: Globus, 86.1904

322 
K . Th . Preuß : Der Ursprung der Religion und Kunst . 
stand , Gehirn oder mit physischer Kraft , Macht u . dgl . m . nichts zu tun , während die entsprechenden Ausdrücke in den anderen Sprachen nicht so klar sind . Der Schamane z . B . hat ein besonders starkes orenda . Wer einen anderen behext , hat sein orenda gegen ihn angewendet . Der erfolgreiche Jäger hat das orenda der Jagdtiere wunden , und im umgekehrten Falle hat das Wild des Jägers orenda unwirksam gemacht . Jemand , der in einem Zufalls - oder Geschicklichkeitsspiele einen anderen 
Äbb . l . Macuilxochiü , der Gott des Tanzes und Gesanges , oder ein ihm dienender Dämon . 
Cod . Borbonicus 4 . 
besiegt , hat sein orenda überwältigt . Wenn ein Unwetter heraufzieht , so heißt es : „ es setzt sein orenda in keit 4 ) “ . 
Diese Gesamtheit der dem Menschen innewohnenden Zauberkraft , das orenda der Irokesen , ist jedoch , als Idee genommen , etwas sehr Spätes , so ursprünglich sie auch zu sein scheint . Den Anfang bildet natürlich der Glaube an die Zauberkraft von einzelnen Körperteilen und stimmten Handlungen . Namentlich herrschte von jeher die Meinung , daß aus den Öffnungen des Körpers kraft und Zauberstoffe austreten , z . B . der Atem aus der Nase , der Hauch , die Töne und der Speichel aus dem Munde , Kot aus dem After , Urin und geschlechtliche Ausscheidungen aus den Genitalöffnungen . Fangen wir mit diesen Tatsachen des persönlichen Zaubers , der in gleicher Weise auch den Tieren zukommt , unsere stellung an . 
I . 
Der Zaubergesang der Tiere . 
Ein lebendes Wesen kann nur in dem Falle ein Dämon sein , wenn es von einem fremden Geist , lich einer Gattungsseele mit bestimmten übernatürlichen Kräften , bewohnt wird . Die eigene Individualseele , deren Wirkung an die Person gebunden ist , gehört nicht hierher , so Wundersames sie auch ausführen mag . 
In der Tat sind auch die Tiere , die Eigenschaften eines Dämons haben , in dieser Weise aufgefaßt worden . Man denke z . B . an Wilhelm Mannhardts Korndämonen in Gestalt vieler im Getreide hausender Insekten und 
4 ) J . N . B . Hewitt , Orenda and a Definition of Religion . Amer . Anthropologist N . S . IV , p . 37 f . , 44 f . 
der Dorftiere 5 6 ) - Diese harmlosen Tiere sind nur deshalb Dämonen und mit dämonischen Kräften begabt , weil der Geist des Korns , der die Pflanze beseelt , in ihnen wohnt . 
Eine solche Auffassung ist auch durchaus richtig , aber sie ist nicht ursprünglich , sondern erst nach dem Eindringen des Animismus entstanden . Den Anfang sehen wir z . B . bei den Irokesen . Wenn die Heuschrecke des Morgens zirpt , so verursacht sie dadurch die Hitze des Tages . Diese aber reift das Maiskorn , und so wird die Heuschrecke „ the corn - ripener“ , „ die den Mais zur Reife bringt“ , genannt * 5 ) . Das heißt also , sie hat durch die ihr innewohnende Zauberkraft die Maisernte schaffen . 
Auch die sprachverwandten Tschiroki sagen , wenn um die Sommersonnenwende die Heuschrecke ( Cicada auletes ) zu singen beginnt , „ sie hat die Bohnen bracht“ , die dann gerade reif sind , und der grüne käfer ( Allorrhina nitida ) heißt mitunter — offenbar in demselben Sinne , daß er die für das Wachstum wendige Wärme veranlaßt — „ der Feuer an den Bohnen unterhält“7 8 ) - Das Kaninchen , das das Gestrüpp bis zu entsprechender Höhe abnagt , gebietet nach dem Glauben der Irokesen vermöge der Zauberkraft seines Gesanges dem Schnee , bis zu welcher Höhe er fallen solls ) . Eine kleine Eidechse , die in Quellen lebt , verursacht bei den Tschiroki den Regen , wenn sie aus der Quelle kriecht9 ) , gleichwie das Tageszeichen „ Eidechse“ ( cuetzpalin ) hei den alten Mexikanern Wasserüberfluß bedeutet 10 ) . 
Eine Umbildung des ursprünglichen Gedankens ist bei den Tarahumara eingetreten . „ Im Frühling sind das Singen der Vögel , das Gurren der Taube , das Quaken des Frosches , das Zirpen der Heuschrecke und alle Laute , die von den Bewohnern des Rasens ausgestoßen werden , in den Augen der Indianer lauter Anrufungen an die Gottheit um Regen“ , sagt Lumholtz von ihnen 11 ) . Hier dürfen wir wohl für die Vergangenheit die „ Gottheiten“ dreist eliminieren . Dann bleiben die durch ihren „ sang“ den Regen verursachenden kleinen Tiere übrig . Vom „ Ziegensauger“ heißt es auch direkt , er fliegt 
2 . 3 . 
Abb . 2 . Fuß des Uitzilopoclitli mit dem Windzeichen . 
Cod . Telleriano - Remensis Bl . 5 , 1 . 
Abb . 3 . Kochtopf mit dem Zeichen der Wärme . 
Cod . Vatioanus Nr . 3773 , S . 29 . 
schnell wie ein Pfeil durch die Luft und ruft den Regen herab 12 * ) . 
Nicht anders hat der mexikanische Maisdämon , der in der Pflanze lebt , Gewalt über die Witterung , über den Regen , die Kälte des Winters , ja sogar über die Sonpen - 
5 ) Mannbardt , Korndämonen , Berlin 1868 , S . 4 . 
6 ) Hewitt , Orenda , a . a . O . , p . 40 . 
7 ) James Mooney , Myths of the Cherokee . 19th nual Rep . of the Bureau of Ethnol . , p . 308 f . 
8 ) Hewitt , Orenda , a . a . 0 . , p . 40 . 
9 ) Mooney , Myths , a . a . 0 . , p . 307 . 
lu ) Interpret , des Codex Vaticanus 3738 , ed . Herzog von 
Loubat , Bl . 7 , 2 . 
u ) Unknown Mexico I , p . 331 . 
v / ) A . a . O . , p . 309 .