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Full Text: Globus, 86.1904

K . Th . Freuß : Der Ursprung der Religion und Kunst . 
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wärme , weshalb er manchmal zum Sonnengott ciert 13 ) . Also könnte man beim Auftreten des mus leicht z . B . die Heuschrecke vom Geist der staude beseelt denken . Wir sehen aber , sie ist nichts als eine harmlose Heuschrecke und verrichtet doch die Taten eines Dämons . 
Aber es gibt noch einen anderen Weg , auf dem die Tiere zu Gottheiten werden können . Es ist natürlicher , daß sie als Dämonen einfach die Tätigkeit weiter ausüben , die sie als gewöhnliche Tiere betrieben hatten , nämlich die Sommerwärme zu verursachen , den Regen zu spenden usw . Die Beseeltheit der Tiere allein hilft dazu noch nichts . Es müssen erst permanente , unsterbliche Gattungsgeister angenommen werden , die in den Tieren leben , nachdem man den Glauben an die Zauberkraft der einfachen Tiere verloren hat . So entstehen Geister der Wärme , des Feuers , des Regens u . dgl . m . in gestalt . Das ist z . B . im alten Mexiko , wie ich bewiesen zu haben glaube , noch deutlich zu sehen , nur daß die 
Winterschlaf hält und während dessen sein Gefieder liert , im Frühling aber wieder erwacht . Deshalb offenbar ist er zu einem Geist der Sommerwärme und zur dung ( naualli ) des mächtigen , blutgierigen Uitzilopochtli geworden . Denselben Charakter hat ursprünglich der alte Gott Camaxtli , der Hirsch , der zugleich Hieroglyphe für Feuer ist . Ferner der Feuergott Ixcogauhqui , der zwar direkt cuegaltzin , „ Flamme“ , heißt und zugleich unter der Erde wohnt , aber auch die Sommerwärme einflußt . Er hat meist einen Vogel ( xiuhtolotl ) an seiner Kopfbinde , dessen Erbe er wohl gewesen ist , oder eine entsprechende Federkrone ( xiuhtotoamacalli ) . Ein anderer Feuergott , Otontecutli , hat stets den Itzpapalotl , den „ Obsidianschmetterling“ , auf seinem Haupte . Dieser ist aber selbst eine unterirdische Göttin des Feuers und wird auch meist als Schmetterling abgebildet , der all als Hieroglyphe für Feuer erscheint . Der Grund ist jedenfalls der , daß man ursprünglich dem in der hitze auf den Blumen gaukelnden Schmetterling das 
a b 
Abb . 4 a u . b . Seiten einer viereckigen Steinsäule . 
Berliner Museum . IV Ca 3761 . Samml . Uhde . 
Tiergötter bereits menschliche Gestalt annehmen können und dann ihren tierischen Ursprung gewöhnlich durch eine Tierverkleidung ( naualli ) verraten , die den Körper oder bloß das Gesicht verhüllt oder als offener rachen erscheint , aus dem der Kopf des Gottes schaut . 
So erscheint der Regengott Tlaloc mit einem Gesicht , dessen Mund , Nase und Augen aus den Windungen zweier Schlangen , der Regen bringenden Tiere , gebildet sind . Die kleinen Berg - und Regengötter ( Tepictoton ) werden mit zwei Gesichtern , einem menschlichen und dem einer Schlange , geformt . Der Windgott Quetzal - couatl hat eine Vogelmaske vor dem Gesicht , deren weit vortretende Nasenlöcher den Ursprung des Windes kundtun . Eine ganze Reihe von Gottheiten , die sprünglich verschiedenen mexikanischen Gemeinden gehörten , sind Dämonen der Sommerwärme und des Feuers . Dahin gehört der Nationalgott Uitzilopochtli , dessen kleidung der kleine Kolibri ist . Von diesem Vogel richten die Mexikaner , daß er auf einem Aste sitzend seinen 
13 ) Vgl . den Beweis in „ Phallische Fruclitbarkeitsdämo - nen usw . “ , a . a . 0 . , S . 142 , 144 , 156 . Ursprung der opfer , Globus , Bd . 86 , N . 116 . 
Hervorbringen der Wärme zuschrieb . Sommerwärme und Feuer aber ist ursprünglich ein gemeinsamer Begriff . Denken wir an den Junikäfer der Tschiroki , der „ Feuer an den Bohnen unterhält“ . So konnte der ling eine Göttin des vulkanischen Feuers werden und zugleich das Sonnenbild zusammensetzen . So konnten überhaupt die mexikanischen Feuergötter zugleich götter bzw . Dämonen der Sommerwärme sein14 ) . 
Denn man kann es diesen „ Sonnengöttern“ nach - weisen , daß sie alle ursprünglich durchaus nicht mit der Sonne identifiziert wurden , ebensowenig wie die Tiere , deren Erben sie waren . Man muß es meines Erachtens wörtlich nehmen , daß die Götter wie die Tiere nur die Sommerwärme hervorbrachten . Das besagt deutlich , die Sonne war im ältesten Glauben der Menschen als tätige Ursache der Wärme ausgeschaltet . Man sah die Sonne , merkte auch , daß die Strahlen von ihr ausgehen , daß sie aber funktionierte , hing von der Zaubertätigkeit der Tiere und Dämonen ab . Waren diese nicht schäftig , so war die Sonne kalt wie im Winter oder von Wolken bedeckt . Wie oft scheint die Sonne im Sommer , 
14 ) Vgl . zu diesem Abschnitt die Beweise in „ Ursprung der Menschenopfer in Mexiko“ , Globus , Bd . 86 , S . 115 f . 
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