Buchbesprechungen
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geben. Wildhaber bemängelt mit Recht das Fehlen solcher Nachweise bei den
von Hanns Bächtold 1916 herausgebrachten „Schweizer Märchen“, die durch
wegs Nachdrucke sind (Bolte-Polivka V S. 10) und im „Schweizer Märchen
buch“ von Englert-Faye, dessen Inhalt derart überarbeitete Stücke ungenannter
Herkunft enthält, daß nach W. dieses Buch in wissenschaftlichen Werken nicht
zitiert werden sollte. Als „Schweizer Märchen“ sind in die angeführten Aus
gaben nur die aus deutscher Volksüberlieferung aufgenommen worden, was
Sutermeister auch als seine Zielsetzung hervorhebt. Wildhabers Bestreben war
es, die ganze Schweiz ebenbürtig zu Worte kommen zu lassen, wofür die Ver
bindung mit Uff er, dem wir neben Märchenpublikationen auch die gehaltvollen
Berichte über seine Erzähler verdanken, nahelag.
Den deutschen Teil bilden eine Auswahl von 11 Geschichten aus Sutermeisters
2. Auflage und von 14 aus /. Jegerlehner, Sagen und Märchen aus dem Ober
wallis, Basel 1913, „Goldig Betheli“ und „Harzebabi“ kommen nicht zu einer
Gestalt der Außenwelt, wie wir sie in den Spielformen zur „Frau Holle“ in
großer Vielfalt finden, sondern zu Kindern, die Hündchen begrüßen die Mäd
chen vorzeitig so, wie es der Hahn erst auf Grund des Geschehensablaufes tut.
Das von Rochholz handschriftlich mitgeteilte Aargauer Märchen „Der Bueb mit
dem isige Spazierstecke“ übertrifft durch Gehalt und Sprache die eng verwandte
Spielform des „Starken Hans“, die ebenfalls über Wackernagel in die Grimm
sammlung kam. Aus dieser dürfte wohl der Meisterdieb stammen, der aus
Jegerlehner in den neuen Schweizer Band übernommen ist, denn beide Wieder
gaben haben die gleiche, seltene Einleitung (die /. G. v. Hahn mit einer Szene
aus der Rückkehr des Odysseus verglich) und sind auf die gleiche Reihung von
Zügen beschränkt. Aus den KHM kommen auf Umwegen als französische Mär
chen Nr. 32 („Weißröschen und Rosenrot“, Grimm Nr. 61) und Nr. 33 (Die
Gänsehirtin, Grimm Nr. 179), die Rossat mit einigen anderen Stücken vor 1914
von einer Postangestellten hörte. Die französischen Schwänke zeichnen sich
durch hervorragende Erzählkunst aus.
Rätoromanische Märchen konnte Uffer nach eigenen Aufzeichnungen seit
1936 in solcher Fülle veröffentlichen, daß er für den Auswahlband die Funde
anderer bevorzugte, vor allem, was bisher Decurtins und Bundi publizierten.
Nur im rätoromanischen Raum, der nach U. als einziges der vier schweizerischen
Sprachgebiete märchenreich genannt werden darf, fanden sich bis vor etwa drei
Jahrzehnten noch alte Männer, die in jüngeren Jahren einen Ruf als Erzähler
einer lebenden Hörerschaft besaßen. Das Märchen vom Sonnenprinzen gehört
einem seltenen Typ an, eine Spielform enthalten die „Norwegischen Volksmär
chen“ von Asbjörnsen-Moe-Bresemann 1874 II Nr. 1 Im Zwei-Brüder-Märchen
(Nr. 57 Die beiden Freunde) stammen die Helden von verschiedenen Müttern,
eine ungewöhnliche Änderung, die die Verwahrung zweier Schwestern im
Turme verlangt, wo sie von einem Manne, der nachts aus dem Wasser kommt,
empfangen. Das Motiv der Waffe besonderer Herkunft klingt noch an. Die ita
lienischen Geschichten sind wie die französischen und viele rätoromanische
erstmals ins Deutsche übertragen worden. In einer Variante zu Grimms
„Machandelboom“ belebt die Jungfrau Maria den getöteten und zerstückelten
Knaben, den der Vater, ein Drache, zu verzehren wünscht. Die Madonna tritt