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Full Text: Anthropos, 32.1937

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Werner Danckert, 
Aus dieser Erkenntnis ergeben sich wichtige Gesichtspunkte für die An 
forderungen, die man nach dem heutigen Forschungsstand an das klin 
gende Material zu stellen hätte. So schätzenswert die Handlichkeit 
und leichte Bedienbarkeit des Edison-Phonographen erscheinen, so ist doch 
gegenüber diesen unleugbaren Vorzügen auf der anderen Seite die Minder 
wertigkeit phonographischer Aufnahmen in klangqualitativer Hin 
sicht tief beklagenswert. Es ist wohl an der Zeit, es einmal ganz unzweideutig 
auszusprechen, daß uns, solange wir uns allein auf dieses altertümliche Gerät 
verlassen, wichtige, ja geradezu entscheidende Züge musikalischer Primitiv 
stile verschlossen bleiben müssen. Schwerlich dürfen wir länger zögern, um 
wenigstens das, was noch an primitiver Musik zu retten ist, mit einem technisch 
hochstehenden Aufnahmeverfahren, wie es sich etwa in den magnet- und 
iicht,elektrischen Aufnahmetechniken 4 der letzten Jahre 
darbietet, den Archiven zuzuführen. Der Phonograph entsprach recht eigent 
lich einer auf das Quantitative gerichteten Forschungsweise und einem Er 
kenntnisziel, wie es heute noch hauptsächlich in den angelsächsischen Ländern 
vertreten wird. Mit der Hinwendung zu kulturhistorischen Frage 
stellungen scheint mir indessen unzertrennlich verknüpft die Beachtung des 
Qualitativen und damit die Forderung nach Reproduktionsgeräten, 
deren Frequenzbereich dieser Aufgabe gewachsen ist. 
Nach der Erörterung dieser Vorfragen möchte ich versuchen, ein skizzen 
haftes Bild der musikalischen Stilkreise zu entwerfen, wie es 
sich mir nach dem heutigen Stand der Stofferschließung darstellt. Wenn wir 
das Gebiet zunächst einmal im großen überschauen, so ist zu bemerken, daß 
zwar keineswegs alle musikstilistischen Umrißlinien mit denen der kultur 
historischen Forschung völlig übereinstimmen, daß aber doch im ganzen außer 
ordentlich viele Konkordanzen bestehen, so daß die Hoffnung berechtigt 
erscheint, einzelne Unstimmigkeiten zu bereinigen und daß es gelingen möchte, 
viele Lücken — sei es nun durch neues Material oder aber durch Verfeinerung 
des Methodischen — noch auszufüllen. 
Als ein sehr bemerkenswertes Zeugnis der Übereinstimmung ließe sich 
die Geschlechtsbetonung heranziehen, die in der Musik genau so 
wie auf ergologischem, wirtschaftlichem oder sozialem Gebiet (vor allem in den 
Mittelkulturen) sich außerordentlich scharf ausprägt, weniger stark hingegen, 
aber immerhin noch merklich in den ältesten erkennbaren Schichten, in der 
Gruppe der Grund- und Altkulturen. Es erscheint mir zweckmäßig, bei der 
zu vermittelnden Übersicht nicht chronologisch, sondern eher wie der Archäo 
loge stratigraphisch vorzugehen, zunächst die jüngeren Schichten 
berücksichtigend und erst im weiteren Verlauf zum Stilgut höheren Alters vor 
dringend. Einen sehr handlichen Ausgangspunkt bietet die Musik der 
Mutterrechtskultur. In ihren älteren, noch an die Urkultur an 
knüpfenden Phasen läßt sich die mutterrechtliche und weiblich betonte Musik 
in ihrer unmittelbaren Gestalt — als Melodieumriß und Tonsystem — wohl 
4 Zurzeit verdienen wohl das „Magnetophon“ (AEG) und das „livre sonore“ an 
erster Stelle genannt zu werden.
	        
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