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Full Text: Anthropos, 32.1937

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Werner Danckert, 
Gewicht beizumessen, nicht nur in den Hochkulturen, wie v. Hornbostel 
meinte, als er dem weltweit verbreiteten System der musikalischen Maßnormen 
nachging. Pentatonik findet sich fernerhin — von der ostasiatischen Hoch 
kultur oder von ihren mutterrechtlichen Vorläufern ausstrahlend — als über 
nommenes Gut bei zahlreichen eurasischen Hirtenvölkern, nach östlicher Rich 
tung hin stärker verdichtet, in westlicher abgeschwächt. In Vorderindien zeigen 
die Munda-Völker sehr rein ausgeprägte und altertümliche Pentatonik, auch 
im Nordosten Vorderindiens, in Bengalen und in manchen Pentatonismen süd- 
indischer Musik zeigen sich noch die Spuren alter mutterrechtlicher Unter 
schichtungen. In Europa ist die Pentatonik als Altstil bei den Inselkelten, in 
Süditalien und Sardinien zu greifen. Andere Überbleibsel dieser offenbar alt- 
mittelländischen Musikkultur sind weniger in der melodischen Substanz als in 
gewissen Zügen der Vortragsweise und des Bewegungshabitus kenntlich: der 
eigentümlich gelösten, schwebenden Melodik des italienischen Kreises sind die 
älteren Schichten des rumänischen und des polnischen Volksliedes zur Seite 
zu stellen. Hier überall finden wir frei im Tonraum schwebende, jodlerartig 
gelöste Melodiebewegungen, verbunden mit dunkelweicher Klangfärbung und 
ausgeprägter Vorliebe für das Vokalisenhafte. Doch läßt sich neben diesen 
sehr sprechenden Zügen der Vortragsweise auch in struktureller Hinsicht noch 
manches Überbleibsel eines tief eingewurzelten und offenbar sehr alten „Kon 
sonanzempfindens“ bemerken. Die Terz als Strukturintervall insbesondere und 
der Dreiklang als eine melodiebildende „Sphäre“ lassen sich in älteren Schich 
ten des polnischen wie des rumänischen Liedes als ursprüngliche, von den 
Einflüssen der abendländischen Kunstmusik noch unabhängige Stilelemente 
erweisen. Letzte, allerdings stark umgedeutete Ausläufer der gelösten Bewe 
gungsform und Klangauffassung dieses Kreises sind meines Ejrachtens noch im 
alpenländischen Jodeln und im eigentümlichen Falsettgebrauch einiger Kau 
kasusvölker zu erblicken. 
Um nun zur Pentatonik zurückzukehren, so finden wir weiterhin in der 
Berbermusik ein unverkennbares Verdichtungsgebiet von Pentatonik, und zwar 
in zweierlei Gestalt, die auffälligerweise an die ostasiatischen Formen er 
innert: als halbtonfreie und als tritonusbetonte Fünftönigkeit. Ich übergehe 
das noch ungenügend erforschte westafrikanische Gebiet und wende mich den 
amerikanischen Stilbereichen zu. Hier findet sich Pentatonik neben Tetratonik 
als Hinterlassenschaft der alten Inka-Kultur sowie in Mittelamerika (hier aller 
dings ist auch sehr stark das Dreiklangsmelos vertreten): bei den Tule von 
Panama, den mexikanischen Cora und Huichol, den Navaho von Neumexiko 
und Arizona. In Südamerika lassen sich ähnlich geartete Dreiklangsstile bisher 
noch bei den Uitoto nach weisen, in Nordamerika bei einem Selisch- und einem 
Irokesen-Stamm. Auch die „nichtindianische“ Vortragsweise dieser Stämme 
deutet auf ihre kulturelle Sonderstellung hin. 
Zusammenfassend läßt sich das „mutterrechtliche“ Musikprinzip wohl 
am besten als ein „sphärische s“ und „vegetative s“ kennzeichnen 5 . 
5 Vgl. H. Hübner, Studien zur Musik im Bismarck-Archipel; „Anthropos“,
	        
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