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Inhalt / Download : Globus, 76.1899

C. v. Hahn: Religiöse Anschauungen und Totengedächtnisfeier der Chewsuren. 
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liegt in seiner Macht, zwei Tage nacheinander reich 
lichen Regen zu senden. 
Aber die himmlischen und atmosphärischen Er 
scheinungen hängen in höherem Grade ab von dem 
heiligen Georg, dessen „Antlitz leuchtet wie die Sonne“, 
der auf einem hohen Berge thront. Sein Heiligtum 
steht im Dorfe Tschodili. Sein Sklave ist ein „Div“. 
Wenn das Volk sich etwas zu Schulden kommen läfst, 
begiebt sich Georg zum Meer, beladet dort seinen „Div“ 
mit Körben voll Hagel und läfst die eisigen Nüsse auf 
das Land herabfallen, um die Schuldigen zu bestrafen. 
Die Chewsuren fürchten den Hagel sehr, da er bei der 
geringen Anzahl von Fruchtfeldern ihnen Hungersnot 
bringt, und daher steht der heilige Georg mit dem 
sonnengleichen Angesicht bei ihnen in grofsen Ehren. 
Um sich den Gott gnädig zu erhalten, haben die Chew 
suren beschlossen, sobald die Arbeit des Pflügens und 
Säens vorbei ist, d. h. vom Juni bis zur Ernte, an Mon 
tagen, Freitagen und Sonnabenden nicht zu arbeiten 
und besonders dazu erwählte Leute haben darüber zu 
wachen, dafs dies Gebot eingehalten werde. Der Über 
treter hat schwere Strafe zu zahlen. Epidemieen an 
Vieh hängen ebenfalls von dem heiligen Georg ab, er 
kann den ganzen Yiehstand zerstören. 
Auffallend ist, dafs die Bewohner von Chachmati, 
welche doch selbst einen so mächtigen „Chati“ haben, 
zu dem kistinischen Heiligtum des Dorfes Maisti beten, 
wobei sie Opfertiere schlachten. Dieser kistinische 
„Chati“ ist in den Felsen gehauen und hat die Gestalt 
eines Menschen, er heifst „Silbergesicht“. Man behauptet, 
dal!s Nebel und Wolken immer von Maisti kommen und 
Hagel bringen. 
Dem Heiligtum im Dorfe „Likoki“ sind unterthan: 
Waldteufel, Nixen, allerlei Gespenster und unsaubere 
Geister, welche der Chewsure sich als Schweine, Eidechsen, 
auch als kleine Kinder vorstellt. Wenn der Chewsure 
in einen Abgrund stürzt, im Flusse ertrinkt, durch einen 
Erdrutsch zu Grunde geht, alles das ist das Werk des 
Teufels und der bösen Geister und deshalb betet er 
beim Heiligtum von Likoki, es möge ihn vor der Heim 
suchung des Teufels bewahren. Ist aber ein Chewsure 
zu Grunde gegangen, so ist die Auslösung der Seele 
notwendig. Die Angehörigen schlachten für den un 
sauberen Geist, welcher den Tod herbeigeführt hat, ein 
Zicklein und lassen es am Orte, wo es geschlachtet 
worden, liegen, wobei sie sprechen: „Das ist für dich, 
unreiner Geist, gieb uns die Seele des Verstorbenen 
zurück!“ Wenn jemand verschüttet wird, so kann er 
nicht anders aufgefunden werden, als mit Hülfe der 
heiligen Fahne des Heiligtums von Likoki. Da, wo 
dasselbe von den Dienern des „Chati“ in die Erde ge 
steckt wird, mufs der Verschüttete aufgefunden werden. 
Dieser „Chati“ steht auch in Fuschetien in grofsem An 
sehen und seine Diener begeben sich alljährlich dahin 
mit der Fahne, segnen das Volk und sammeln milde 
Gaben. Früher sollen die Tuschen sogar diesem „Chati“ 
Abgaben bezahlt haben. 
Alles, was auf dem Lande (im Unterschiede vom 
Meere) geschieht, ist dem Chmelt-Mouraw (d. i. Leiter 
des trockenen Landes) unterstellt; ihm gehorchen auch 
die Engel, sein Zelt ist das nächste bei Morigi, 
d. i. Gott. 
Was das Leben nach dem Tode anbelangt, so glaubt 
der Chewsure, dafs die Verstorbenen im „Lande der 
Seelen“ weiter leben. Alle Kenntnisse über dieses Reich 
der Geister hat das Volk von den„Mesultane“, welche in 
beständiger Gemeinschaft mit den Seelen der Abge 
schiedenen leben und mit denselben Zwiesprache pflegen. 
Der Übergang in jenes Leben erfolgt über eine sehr 
schwer zu begehende „Brücke aus Haaren“, an deren 
jenseitigem Ende die Richter sitzen, welche den die 
Brücke überschreitenden Seelen das Urteil sprechen. 
Die sündigen Seelen vermögen nicht über die „Haar 
brücke“ zu gehen; sie fallen in einen „Teerflufs“, 
welcher keine Ufer hat; wer da hineinfällt, mufs ewig 
darin schwimmen und Teer schlucken. Lügner und 
Vei’läumder werden mit heifsem Wasser begossen; der 
Bruder, welcher seinen Bruder verrät, mufs mit einem 
Fufse in siedendem Wasser stehen; Müttern, welche 
ihre Kinder verlassen, wird eine Schlange auf die Brust 
gelegt; wer die Feldmarke verrückt hat, dem wird ein 
Berg auf den Rücken geladen und er wird in Begleitung 
eines rasenden Teufels in die Hölle befördert. Über 
haupt werden alle zur Hölle Verdammten von Teufeln 
eskortiert. Die Hölle selbst stellt ein geschlossenes 
dunkles Viereck dar. 
Dagegen ist das Paradies eine ungeheure, mit vielen 
Stockwerken versehene weifse Festung, die bis zum 
Himmel reicht; die Strahlen der Sonne beleuchten dieses 
Gebäude, daneben steht eine pyramidenförmige Pappel, 
welche mit ihrem Gipfel den Himmel erreicht; auf einer 
anderen Seite der Festung entspringt der Erde ein 
wasserreicher klarer Quell. Die Gerechten wohnen in 
den verschiedenen Stockwerken des Gebäudes. Unter 
ihnen herrschen Unterschiede. Die Gerechtesten oder 
„Hauptpersonen“ wohnen im obersten Stockwerk und 
geniefsen das herrlichste Licht, die weniger Gerechten 
wohnen weiter unten. Ganz oben springen die un 
schuldigen Kinder, bis ans Knie in Watte gewickelt. 
Im Lande der Seligen lebt man herrlich und in Freuden 
und verbringt die Zeit mit Spiel und Tanz und trinkt 
kühles, krystallklares Wasser. Was die Speise anbelangt, 
so schickt Gott am Sonntage den Gerechten himmlische 
Speise; vom Anschauen derselben allein werden sie satt. 
Das ist auch der Grund, warum die Chewsuren am 
Sonntag niemals Gedächtnismähler für die Dahinge 
schiedenen veranstalten. 
Solche Gedächtnismähler finden sonst allenthalben 
statt. Zu einem solchen Mahl mufs die beste Speise 
vorbereitet und dem Namen des Verstorbenen geweiht 
werden. Auch braucht der Verstorbene im anderen Leben 
Tabak und Feuer, deshalb werden auch sie geweiht. 
Die Abgeschiedenen haben Speise auf den Weg nötig, 
daher werden neben den Kopf der Leiche drei kleine 
Brote gelegt, welche sie entweder selbst verzehrt, oder 
womit sie einen Hungernden sättigt. Auch glauben die 
Chewsuren, dafs die Verstorbenen im Laufe eines Jahres 
Beziehungen zu ihrem Hause haben, dasselbe besuchen 
und beschützen. 
Hierauf beruht auch der Brauch „des Ausschüttelns 
der Kleider des Verstorbenen“. Vom Todestage an 
müssen die Kleider, Waffen und anderes Zubehör in 
einem Winkel des Hauses liegen. Sie werden geweiht, 
mit dem Namen des Verstorbenen angesprochen und 
Wachslichte vor denselben aufgestellt. Sie werden ein 
ganzes Jahr beweint bis zu dem Tage, wo das „Aus 
schütteln der Kleider“ vor sich geht. Nach dieser 
Ceremonie werden die Kleider an nahe Verwandte (zu 
erst an die Brüder der Mutter) und an die Freunde des 
Verstorbenen verteilt. In einigen Gegenden legt man 
vorher Brot und Käse auf die Kleider. Nach dieser 
Ceremonie besuchen die Abgeschiedenen das Haus nicht 
mehr. 
Die Gedächtnismahle sind etwas ganz unumgänglich 
Notwendiges; ja, der Chewsure veranstaltet manchmal 
solche schon bei Lebzeiten. Wenn er einzeln dasteht 
oder nicht überzeugt ist, dafs die Verwandten ihm ein 
solches Mahl ausricliten, wenn er sterben sollte, so
	        
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