sundheit geschah, völlig fort. Die Weiber stellten sich nicht mehr zur Kontrolle ein,
und die Geschlechtsleiden nahmen unglaublich zu. Die schon immer stark verseuchten
russischen Garnisontruppen trugen zu den Infektionen fortwährend weiter bei.
Damit war die Ausdehnung der Geschlechtskrankheiten erklärt, die nicht nur
die städtische Bevölkerung verseuchten, zumal kranke Männer mit Dirnen weiter
Umgang pflogen, auf die Heilung der Krankheit leichtsinnig wenig Wert gelegt wurde
und das gewissenlose Kurpfuschertum besonders hierdurch eine kräftige Stütze behielt.
Ein zahlenmäßiges Materiel über die Häufigkeit von Geschlechtskrankheiten
können wir aus der Zeit der russischen Herrschaft nicht erbringen. Die polnischen
Fachärzte1) aber bezeichneten uns die Zahl als erschreckend groß.
So war die Lage der Dinge, als die deutschen Heere und die deutsche Verwal
tung in das Land einzogen. Überall drängte sich das Dirnentum auf. Es bevölkerte
die Straßen, lockte selbst oder durch Mittelspersonen in die Absteigequartiere, wohnte
in den Hotels, machte sich in den kleinen Theatern, Varietes und Kinos breit, lungerte
an den Bahnhöfen herum, trug sich in den Cafes zur Schau, reiste den vormarschierenden
Truppen nach und bewies durch seine Massenhaftigkeit, daß es schon immer zu den
auffallenden Erscheinungen im Lande gehört hatte.
Wie weit die moralische Verworfenheit sich auch sonst im Lande ausgebreitet
hatte, davon zeugten viele Beispiele. So führte ein Feldscher in einem abgelegenen
Fleckfieberkrankenhause die genesenen Mädchen der Prostitution zu, während die
Feldscherin sich Soldaten. anbot, Reservistenfrauen richteten in der Etage über der
Kreisarztwohnung ein Absteigequartier ein und dergleichen mehr. Andererseits bewies
die mehrfache Beobachtung, daß Soldaten selbst in die Dirnenkrankenhäuser gewaltsam
einzudringen versuchten, daß Infektionen von Frauenspersonen in den Bordellen durch
kranke Soldaten stattfanden, die von ihrer Erkrankung wußten, die wüste Entfesselung
der Triebe in Kriegszeiten. Den Soldaten trug der Verkehr mit den Prostituierten,
die vielfach äußerst verlaust waren, nicht nur geschlechtliche Infektionen, sondern
häufiger auch Fleckfieber, Krätze und Läuse ein.
Alsbald wurden so viele Ansteckungen im Heere bekannt; eine genauere Zahl
kann leider nicht angegeben werden. Um die Schlagfertigkeit der Armeen nicht zu
gefährden und eine spätere Rückwirkung auf die Volksgsundheit in Deutschland
hintan zuhalten, mußten die schärfsten Maßnahmen getroffen werden.
Die Medizinalverwaltung hatte bereits im Jahre 1914 die Bekämpfung der Ge
schlechtskrankheiten in ihr Programm auf genommen. Es wurde den Stadtverwaltungen
(Gemeindekomites usw.) aufgegeben, Sittenbeamte z. B. aus der Miliz anzustellen,
durch diese die Straßendirnen ermitteln und einer wöchentlich zweimaligen Unter
suchung zuführen zu lassen. Geschlechtskranke Dirnen sollten in den Kranken
häusern bis zur Heilung behandelt werden. In entsprechender Weise erfolgte auch
die gesundheitliche Überwachung der Bordellmädchen. Die Untersuchungen wurden
damals schon durch die deutschen Kreisärzte oder einheimische Ärzte unter Kontrolle
der Kreisärzte oder auch durch Truppenärzte vorgenommen. Später nahm die Militär-
i) j)r Werniö: Walka z chorobami wenerycznemi i nierzadem, Warschau 1917.