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Englert : Wiegenlieder aus dem Spessart .
Noch sei liier eine von den obigen Fassungen ziemlich abweichende Variante aus Kehrein ( a . a . 0 . , S . 80 ) mitgeteilt :
Schlaf , Kindche , wohle !
Uns'er Herrgott will dich hole In einem goldne Kutschelche ,
Schlaf , mein liebes Trutschelche .
Unserm Liedchen liegt höchst wahrscheinlich ein mythologischer Zug zu Grunde . Darauf deutet besonders die , wie es scheint , am weitesten verbreitete Fassung hin , welche in d und in den Varianten aus der Schweiz und aus Mörs vorliegt , sowie auch die Fassung aus Nassau . Der liebe Gott ist wohl an die Stelle Wotans getreten , und das goldene Kutschelchen oder der goldene Schlitten ist wohl das Gestirn des grossen Bären oder „ der Himmelswagen , den der ewige Fuhrmann fährt " ( vgl . E . H . Meyer , Germ . Myth . , Berlin 1891 , S . 239 , Simrock a . a . 0 . S . 209 ; Grimm , Deutsche Myth . , 4 . Aufl . , I , S . 125 ) , wie denn auch das wilde Gjaid in Steiermark auf schiffförmigem Schlitten fährt ( s . Meyer a . a . 0 . sowie auch S . 281 unten ) . Es ist wohl nicht daran zu denken , dass schon Wotan in der von uns angenommenen Urgestalt des Liedchens als Totenferge gedacht war , der das Kind in das Reich der Seelen führen sollte ( vgl . Meyer , S . 233f . und Mogk bei Paul , Grundriss , I , S . 1082 ) und dass mithin die an das „ dv oî ïïeoi cpilovotv , ajio & vr¡oxei véoç " erinnernde Grundidee unseres Liedchens schon ursprünglich vorhanden war . Vielmehr hat sich diese Idee , welche ganz der christlichen Weltanschauung entspricht , wohl erst mit der Umkleidung des Liedchens in christliches Gewand herausgebildetl ) .
Die Fassungen b und c , sowie die entsprechenden im Wunderhorn a . a . 0 . sind wohl später entstanden als d etc . Au Stelle des nicht mehr verstandenen Schlittens ist die Totenlade getreten , wodurch die christliche Vorstellung noch klarer zum Ausdruck gebracht wird .
München .
1 ) Bei dem ärmeren Volke , für welches das Leben nur Mühsal bietet , mag die pessimistische Auffassung des irdischen Daseins von jeher am tiefsten Wurzel gefasst haben . Othenin d'Haussonville erzählt in der Rev . d . deux mond . , März 1878 , S . 345 , dass er eine Bauersfrau , welche von einem neugeborenen Kinde sprach , sagen hörte : „ Jetzt wo es die Gnade der heiligen Taufe empfangen hat , könnte ihm kein grösseres Glück zu teil werden , als wenn es sterben würde . " Ein ähnlicher Gedanke spricht sich in den im Spessart und anderwärts beim Sterben eines kleinen Kindes vielgebrauchten Trostworten aus : „ Das giebt ein schönes Engelchen " oder : „ Das ist gut aufgehoben " u . ä .