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Prof. Dr. Elise Richter,
zwingend. Es ist nicht im Ernst zu glauben, daß nahezu ein halbes Jahrhundert
verflossen wäre, ehe über das seit 1500 bekannte Land eine Nachricht nach Frank
reich gelangte.-War aber Cartier selbst hingereist, so mußte doch er von dem
Lande wissen. Was den Namen Brasilien betrifft, so zählt ihn de Lollis unter
den legendären Namen auf, wie Antilla, die auf den Weltkarten des 15. Jahr
hunderts Vorkommen 13 . Unter allen Umständen aber hatte Wiener hier wiederum
einen Beweis, daß es sich um ein allgemein verbreitetes volkstümliches Rauchen
handelte. Die Verwendung des cor net (Tüte, infunclibulum der lateinisch Schreiben
den) ist die amerikanische Eigenart des Rauchens. Der rohr- oder trichterförmige
Behälter, in den die zu rauchenden Blätter (zerstückt oder zermalen) gestopft
werden, ist entweder nicht mitrauchbar oder er besteht aus einem Blatt (Palmen
blatt oder Maiskolbenhülse) und brennt mit. Der Trichter „aus Stein oder Holz“
ist mitunter dem natürlichen Trichter oder, besser gesagt, der Tüte oder dem Rohr
mit breiterem Ende nachgebildet und noch jetzt bei Nordindianern zu finden 14 ,
sowie das Rohr der Tupi in Brasilien noch jetzt in Südamerika 15 . Bedenkt man
das zähe Festhalten an dieser überlieferten Rauchform seit 400 Jahren, so sticht
davon die von Wiener angenommene Raschheit der Neuerungen sonderbar ab.
Denn da von Afrika nur der Tabak nicht aber die Rauchrolle — hinüber
gekommen sein soll, und zwar 50 bis 100 Jahre vor Columbus (II, S. 180),
hätten die Indianer in dieser Zeitspanne zuerst das Rauchen und die Tabakpflanze
kennengelernt, sodann die neue Art des Tabakgenusses erfunden und, wie Wiener
annimmt, über den ganzen amerikanischen Kontinent verbreitet. Man vergleiche
damit die europäischen Verhältnisse: 1723 wußte man in Europa bereits von der
Zigarre, aber das ganze 18. Jahrhundert vergeht, ohne daß irgend nähere Be
kanntschaft mit ihr gemacht würde. 1785 wagt Schottmann in Hamburg den
Versuch, Zigarren anzufertigen. Rund 40 Jahre später beginnen sie etwas häufiger
im Handel zu werden 16 .
Das Ausblasen des Rauches hält Wiener für eine Art gottesdienstlichen
Räucherns (III, S. 227). Es ist aber auch im geselligen Kreis üblich. Lionel
Wafer beschreibt es 1651: Ein Junge bläst in die zwei bis drei Fuß lange Blätter
rolle und treibt den Rauch jedem unter die Nase. Die Männer halten die Hände
trichterartig an die Nase, um den Rauch besser einzuatmen usw. 17 . Diese Nach
richt ist zwar sehr spät, beleuchtet aber frühere, in denen erwähnt wird, daß man
das brennende Ende in den Mund steckt. Das geschah offenbar, wenn der Rauch
herausgeblasen werden sollte, nicht zum eigenen Genuß, sondern für andere 18 .
Nun zu Wiener’s Theorie über Herkunft und Verbreitung des Wortes
Tabaco. Es ist nach ihm arab. lütbbäq = aromatische Pflanze, medizinisch in
gleicher Verwendung wie unser Bilsenkraut; wie Bilsenkraut und Bitumen im
klassischen Altertum, wie eine ähnliche Pflanze bei den arabischen Ärzten (II,
13 Cristofero Columbo nella Legenda e nella storia. 3. Aufl., Rom 1923, S. 56.
14 Vgl. Buschan, Amerika, S. 298. Vgl. auch Tafel X.
15 Ebenda, S. 247.
lß Vgl. Tabak-Trafik, Kap. 20, 1926, Juli ff.
17 Travels in the Isthmus of Darien, aufgenommen in Voyage de Guill. Dampier,
1703. Benützt wurde Ausgabe 1714, Bd. 4, S. 87.
18 Vgl. Tabak-Trafik, Kap. 20, 1926, März.