Die dichterische Phauta' ! e und der Mechanismus des Bewußtseins . 261
Beständiges ; obzwar es nur seine subjective Begründung hat , erlangt es einen objectiven Grund . Das zeigt sich in allen Fragen der Erkenntniß , der rein theoretischen , wie der ethisch - praktischen . Dieses Bewußtsein bildet und stärkt zu allen Zeiten den historischen Widerstand gegen das neu Andringende , Zur Umgestaltung Strebende , und wie in dem Staatsleben ist es in dem Entwicklungsgänge der Wissenschaften dasselbe Hemm - niß mit dem gleichen Erkennungszeichen . Wo der Entwickelungs - gang ein stetiger ist , wo nicht neue umwälzende Ideen gähren , lvie man denn^in der ästhetischen Anschauung der Völker nicht erhebliche , unerhörte Neuerungen bemerken kann * ) , da lebt der objective Geist , der Glaube der Einzelnen an die Objectivität ker geschichtlichen Gestalten , ohne merklichen Kamps bestehen zu müssen . Es genügt sich Alles in dem Neubilden nach den alten Prototypen . Ist ja doch der alte Geist noch immer le - öendig , die alte Cultur nicht ausgetilgt ; noch immer riunt das mythische Blut in den Adern naturforschender Spätgeborener , die Plastik der Sprache vermag beide in ihren Principien so getrennte Vorstellungsweisen in Verbindung zu setzen : warum sollte der Dichter , wenn er , wie er muß , alle die schönen und guten Gedanken , die schon die Ahnen , die großen Dichter der Vorzeit , die dichtenden Völker gedacht und gesungen haben , Noch einmal neu denken und singen will — wie sollte er sie ^icht in derselben Form nachdenken wollen , in der die Wahrheit ^ Gewände der Schönheit alle Herzen zwingt ? Sagt doch ^öthe selbst : „ Alles Gescheidte ist schon einmal gedacht wor - ^n , es kommt nur daraus an , es noch einmal zu denken . " ^ud wenn die Individualität des Homer verleugnet wird , so es doch schön , „ der letzte der Homeriden zu sein . " kommt der Dichter gar nicht zu der Frage nach der Mög - ^chkeit , so inadäquate Vorstellungen zu bilden , und wenn die Skepsis ihn beschleicht , wird sie alsobald durch das Bewußtsein ^'scheucht : diese Vorstellungsweise ist ja in der mehrtausend - ) %igen Geschichte objeetiv geworden . Wie nun der Dichter
j * ) Die Gleichheit der poetischen Stoffe in den verschiedensten Zeiten hlerdei zu beachten . Faust und die mittelalterliche Faustsage .