Besprechungen
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nicht. Die Aufklärung wird ihres Klassencharakters als bürgerliche Emanzipationsideologie und
-literatur entkleidet und ihre Entstehung voluntaristisch begründet aus einem „Willen zur Auf
klärung“ im Gefolge der Newtonschen Denkmethode, die der Autor so charakterisiert: „der
wissenschaftlichen Methode zu vertrauen und das menschliche Fassungsvermögen bescheiden zu
betrachten“ (S. 28).
Wenn Gay im Erscheinungsjahr von Newtons „Naturalis philosophiae principia mathematica“
(1787) den „logischen“ Zeitpunkt des Beginns der Aufklärung sieht, während er ihre ideenge
schichtliche Herausbildung auf die Renaissance, also auf die frühbürgerlich-humanistische Los
lösung der Wissenschaft von der Theologie zurückgeführt, so liegt darin eine Polemik gegen den
historisch-materialistischen Grundbegriff der ökonomischen Gesellschaftsformation und gegen
die über die kapitalistische Gesellschaft hinausweisenden ideengeschichtlichen Werte und Ideale
der Aufklärung. Denn für Gay und sein subjektiv-idealistisches Geschichtsverständnis dient solche
Zäsur zur Stützung der imperialistischen Industriegesellschaftskonzeption, wonach in der Ent
wicklung von Wissenschaft und Technik die Hauptkriterien des historischen und kulturellen Fort
schritts liegen. In diesem Sinne erläutert auch Kleinstück in seiner Einführung die aktuelle Bedeu
tung des Bandes von Gay: „Damals, im Zeitalter der Aufklärung begann unsere eigene Gegenwart“
(S. 6). Welche Gegenwart hier gemeint ist, erläutert der Verf. selbst. Er bezieht sich zwar einlei
tend auf Kants programmatische Definition der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus
seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (S. 9), stutzt dann aber schließlich den hohen humani
stischen Anspruch dieser „Freiheitserklärung“ (Gay) so zurecht, daß aus ihm sein Gegenteil
erwächst, nämlich die Apologetik des Kapitalismus und Imperialismus: „Dieses Mündigwerden
einer ganzen Gesellschaftsschicht befreite Energien, die den Weg für die ungeheure Expansion
der westlichen Wirtschaft bis auf den heutigen Tag bereiteten“ (S. 1x8).
So versteht es sich auch, daß der Verf. bei seinen Streif Zügen durch die Aufklärung wenig
Aufmerksamkeit für jene progressiven Ideale und Strömungen zeigt, aus denen wesentliche Quellen
des Marxismus entsprungen sind. Er stellt sich vielmehr hinter Bentham: „Eine Philosophie
schien all die verschiedenen Richtungen der Aufklärung zu beinhalten, der Utilitarismus“ (S. 118).
klier „gingen Erziehung und soziale Reform Hand in Hand, und Benthams unfertiger, naiver und
philisterhafter Utilitarismus war gleichermaßen nützlich und profund“ (S. 123). Mit dem Bekennt
nis zur Apologetik des Kapitals, die — nach Marx — den Kern der Nützlichkeitstheorie Benthams
bildet (MEW 3, 3 97 ff.), rückt der Verf. die Versuche von revisionistischer und bürgerlich-liberaler
Seite, zu einer Neubewertung der Aufklärung zu kommen, ins rechte Licht. Letztendlich geht es
darum, die im antifeudalen Kampf geborenen Ideen und Bestrebungen des aufsteigenden Bürger
tums aus ihrem historischen Kontext herauszureißen, die bürgerlichen Klassenschranken dieser
Ideologie zu ignorieren und sie in der Weise zu aktualisieren, daß sie der eigenen apologetischen und
reformistischen Zielstellung einer Stabilisierung der spätkapitalistischen Gesellschaft dienen.
Die dem Band zahlreich mitgegebenen zeitgenössischen Abbildungen haben dem Text gegenüber
nicht nur eine illustrierende, sondern mehr noch eine substituierende Funktion. Dies gilt etwa, wenn
a uch sehr notdürftig, für die im Titel der deutschen Übersetzung angeführten Jakobiner. Im Text
der Darstellung wird der Leser vergebens nach ihnen suchen. Nur in den Bildunterschriften findet
e " die Namen von Robespierre und Danton jeweils einmal verzeichnet.
Horst Adameck, Berlin
blANs Kals, Die soziale Frage in der Romantik. Köln—Bonn, Hanstein, 1974. 328 S.
Der Verf. stellt in seiner Untersuchung die Aufgabe, die Widerspiegelung und Wertung der
So genannten sozialen Frage in den Schriften der deutschen Romantik darzustellen. Da beide Be
griffe — soziale Frage und Romantik — in den bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften subjektivi-
stischer Interpretationskunst unterworfen sind, sieht sich Kais zu Rückgriffen auf traditionelle
Ausdeutungen veranlaßt. Für ihn stellt die soziale Frage im Anschluß an die Conze-Richtung „die
^Aage nach der Einordnung des Vierten Standes in die ,neue £ Gesellschaft“ (S. 4) dar, zielt also
au f die „Integrierung“ der sich herausbildenden Arbeiterklasse in die sich entwickelnde bürgerlich
kapitalistische Gesellschaft, auf Verwischung des im Prozeß der bürgerlichen Umwälzung aufbre
chenden antagonistischen Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit. Unter „Romantik“ versteht
der Verf. „die Teilströmung deutscher Geistesgeschichte zwischen 1790 und 1850“ (S. 7), „eine
u Volkskunde 1977