50 Christiane Schwab
nik zurück. In einer „Physiognomie” (Fertiault 1841: 345) des Bergmanns sei dessen
Hang zum Aberglauben ein „charakteristischer Zug” („trait caracteristique” [ebd.],
Kursivierung C.S.), zudem sei er mit einer „indigenen Pflanze“ (ebd.: 343) vergleich-
bar, die niemals aus ihrem Habitat auszubrechen vermag. Balzac wiederum hatte in
den Vorüberlegungen zu seiner Menschlichen Komödie (1829-1850) soziale Struktu-
ren mit zoologischen Ordnungen verglichen: „Macht nicht auch die Gesellschaft aus
dem Menschen je nach den Umgebungen, in denen sein Handeln sich entfaltet, eben-
so viele verschiedene Menschen, wie es in der Zoologie Variationen gibt?” (Balzac
1842: 0.5.).
Gewiss mögen solche Wortspielereien nicht selten dem Amüsement der Leser-
schaft gedient haben und dürfen nicht einseitig als Ausdruck naturwissenschaftli-
cher Verfahren gedeutet werden. Dass derlei szientistische Einschübe in den Gesell-
schaftsskizzen aber keineswegs als rhetorische Kapriolen abgetan werden können,
zeigt sich darin, dass naturwissenschaftliche Zugänge auch jenseits des Literari-
schen einen großen Einfluss auf das frühe sozialwissenschaftliche Denken hatten.
Zwei Gründe waren dafür maßgeblich: Erstens hatten die Naturwissenschaften, ins-
besondere die Wissenszweige der Botanik, Zoologie, Physiologie und Anatomie, seit
dem Ende des 18. Jahrhunderts große Erfolge gefeiert und, auch vermittelt durch
den expandierenden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt, ein (weitgehend urbanes)
Massenpublikum begeistert (Stienon 2012: 52ff.; Morus u.a. 1992). Zweitens stellten
die hier entwickelten Modelle und Begrifflichkeiten vielversprechende Instrumen-
te dar, um soziale Verhaltensformen und Strukturierungen jenseits rationalistischer
oder theologischer Spekulation zu deuten. Johan Heilbron hat dazu untersucht, wie
bereits im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts das Einbringen naturwissenschaftli-
cher Ansätze und Klassifikationsmodi in politische und soziale Fragenkomplexe die
„Empirisierung” proto-soziologischen Denkens vorangetrieben hat (Heilbron 1995:
98ff.), was dann in postrevolutionären Institutionen verstetigt wurde. So hat etwa
der Mediziner und Philosoph Pierre-Jean-Georges Cabanis (1757-1808) in seiner
Schrift Über die Beziehungen zwischen den physischen und den moralischen Eigen-
schaften des Menschen (Rapports du physique et du moral de l’homme) (1802) eine
physiologisch fundierte Wissenschaft vom sozialen Menschen zu begründen ver-
sucht (ebd.: 109ff.). Mit dem gleichen Anliegen veröffentlichte Henri de Saint-Simon
(1760-1825) sein programmatisches Werk Über eine angewandte Physiologie zur Ver-
besserung der sozialen Institutionen (De la Physiologie appliquee ä l’amelioration des
institutions sociales) (1812). Auguste Comte (1798-1857), der als Privatsekretär für
Saint-Simon tätig war, würde dessen materialistisch-evolutionistische Grundideen
übernehmen und später entwarf John Stuart Mill (1806-1873), der Comtes Arbeiten
ebenso bewunderte wie kritisierte, in On the Logic of the Moral Sciences (1843) eine
naturwissenschaftlich inspirierte Lehre vom sozialen Menschen (Stocking 1991:
39). Der Einfluss naturwissenschaftlicher Modelle hatte sich als ein konstitutives