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Full Text: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 9.1963

Jacob Grimms Wunderhornbriefe 
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Freilich war eine direkte Äußerung darüber, ob und wie Jacob sich dieser Aufgabe 
gewidmet hat, bisher nicht bekannt. Und doch ist sie vorhanden, leider nur bruch 
stückhaft, wurde aber verkannt. 
Karl Bode 6 kennt „einen bisher nicht veröffentlichten Brief von Wilhelm 
Grimm,“ 7 „an Arnim“[!], „ohne Datum, der Schluß fehlt“, „aus dem Nachlaß 
Baiers,“ 8 aus dem er das Folgende mitteilt: 
„Ich habe selbst einige Lieder gesammelt, welche nicht im Wunderhorn stehen, 
die der Clemens wahrscheinlich auch besitzt oder kennt, wegen der Unsicherheit 
in solchen Dingen will ich aber einige Anfänge herschreiben, und es soll mir lieb 
sein, wenn er etwas davon brauchen kann oder will. . . Alles was mir in Zukunft noch 
von dergleichen in die Hände gerät, will ich mit Freude dem Clemens schicken, dessen 
Wunderhorn eines meiner liebsten Bücher ist.“ Fünfzehn Liedanfänge, sagt Bode, 
seien mitgeteilt, meist mit der Quellenangabe „Volksblatt“ 9 oder „geistlich“. 10 
An wen ist der Brief gerichtet? An Arnim bestimmt nicht. Abgesehen von allem 
andern, hätte Jacob — von ihm, nicht von Wilhelm, ist der Brief höchstwahrschein 
lich — nicht von des Clemens Wunderhorn sprechen können, dessen Mitheraus 
geber doch Arnim ist. Andererseits ist er, dem ganzen Tonfall nach, an einen Ver 
trauten Brentanos gerichtet. Es kann sich also nur um die gesuchte Antwort Jacob 
Grimms auf das Verlangen Brentanos handeln, die einem Brief an Savigny beilag, 
daher auch ohne Datum und förmlichen Schluß. Und Savigny hat sie weitergeleitet. 
Denn in dem handschriftlichen Zusatz auf dem Wh-Zirkular, das Brentano Jacob 
Grimm zuschickte, lesen wir: 
„Heidelberg 28. Juni 1806. Savigny hat mir ein Schreiben von Ihnen mitgetheilt, 
das mich sehr erfreut hat. Ihre gute Gesinnung für das Wunderhorn und Ihre wer- 
then Mittheilungen sind recht sehr lieb, wenn Sie auf der Bibliothek nachsehen wollen, 
so machen Sie Jagd auf die in diesem Circular berührten Notenbücher, Sie finden sie 
in Unzahl in Draudii Bibliotheca classica Germanica unter der Rubrik Musikalische 
Bücher verzeichnet ... Von den angegebenen Liedern habe ich manches, doch bitte 
ich Sie, wenn Sie eine kleine Parthie zusammen haben, sie mir zur Einsicht mitzu- 
theilen . . . Ihr Clemens.“ 
Den ersten Brief, den Steig in dem von ihm herausgegebenen Briefwechsel Bren 
tano-Brüder Grimm mitteilen kann, schrieb Jacob Grimm am 10. 2. 1807 an Bren 
tano. Aus ihm sei hier nur kurz der Eingang angeführt: „Ich weiß nicht, ob Sie ein 
vor 3—4 Monaten an Sie abgeschicktes Paquet mit Volksliedern, so gut und viel ich 
6 Die Bearbeitung der Vorlagen in des Knaben Wunderhorn. Palaestra 76 (1909), S. n6f. 
7 Sperrung durch Bode. 
8 Darüber später. 
9 So nennt Jacob Grimm das, was wir heute (wohl nach dem Wunderhorn) als fliegendes 
Blatt bezeichnen. 
10 Von ihnen gibt Bode leider nur 5 wieder, die auch sämtlich in einer Liste der,, Lied 
anfänge“ stehen, die sich die Brüder offenbar vor 1808 angelegt haben. Bode sagt a. a. O., 
nur die Kontrafaktur „Ich stand an einem Morgen“ Wh 3, 46 sei davon aufgenommen, 
aber aus anderer Quelle; sie befindet sich aber nach Knaust S. 28 unter den Einsendungen 
zum Wh. Auch die Angaben über „Es sungen drei Engel“ III, 79 treffen nicht zu. — Mög 
lich ist, daß die Liedanfänge von Wilh. Gr. geschrieben wurden.