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Full Text: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 9.1963

Die Beziehungen Jacob Grimms zur serbokroatischen Volksliteratur 
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Curcins Studie ist allgemein bekannt und den Lesern des vorliegenden Beitrags 
zugänglich, so daß ihr Inhalt hier nicht wiedergegeben werden muß (was übrigens 
auch bei der Behandlung der anderen Arbeiten vermieden werden soll), um uns dafür 
an die Problemverknüpfungen zu halten, die zwischen seinem Werk und späteren 
Untersuchungen der gleichen Fragen bestehen. 
Curcin schildert die Entwicklung der Beziehungen zwischen Vuk, Kopitar und 
Grimm, die er in erster Linie an Hand der Grimmschen Rezensionen verfolgt. Er 
analysiert Grimms Übersetzungen (bzw. die ihm zugeschriebenen Versionen) und 
beleuchtet die Aspekte der unterschiedlichen Werturteile Grimms und Goethes. 
Uneingeschränkt bewundert er Grimms Auffassung von der südslawischen Volks 
dichtung: „Niemand, bis heute, die Slawisten mit eingerechnet, hat mit größerem 
Verständnis für die Sache, für jede Seite der Sache, von serbischen Volksliedern ge 
sprochen, als Jacob Grimm.“ 2 Besonders beschäftigt ihn Grimms Ansicht über 
lyrische und epische Lieder. In der Tatsache, daß Grimm anfangs die lyrischen Lieder 
den epischen vorzieht, um später der Epik den Vorrang einzuräumen, glaubt Curcin, 
das allmählich immer tiefere Eindringen Grimms in das wahrhaft poetische Wesen 
dieser Lieder zu erkennen. Denn nach Curcins Meinung sind die Liebeslieder (denen 
nach Goethe der erste Platz gebührte) „der unzweifelhaft unbedeutendere Teil der 
serbischen Volkslieder.“ 3 Curcin hebt insbesondere Grimms Fähigkeit hervor, den 
wahren Wert der Heldenlieder einzuschätzen, wie sie in dessen Rezension von 1824 
zum Ausdruck komme, worin als die besten Lieder der Zyklus vom Amselfeld und 
die Lieder um Kraljevic Marko angeführt werden. 4 
Mir scheint, daß es dem Verfasser hier nicht so sehr um Grimm und eine objektive 
Einschätzung seiner Ansichten als darum geht, durch deren Unterstreichung seine 
eigenen Meinungen zu stützen. Wenn Curcin Grimms Verständnis für die epischen 
Lieder lobt, trägt er in Wirklichkeit sein eigenes Credo eines national-romantischen 
Pathos vor. 
Einigermaßen ähnlich schätzt auch Pero Slijepcevic in zwei Aufsätzen des Jahres 
1932, die Goethe gewidmet sind, deren tiefe Sympathie aber Grimm gehört, 5 die 
Auffassungen Grimms und Goethes von der serbokroatischen Volksepik und -lyrik 
ein. Slijepcevic hebt Grimms Verständnis für die dichterischen und psychologischen 
Feinheiten hervor, seinen Sinn für die Form und sein Erahnen der musikalischen 
Tonalitäten dieser Lieder; den Hinweis Grimms, daß sie auch als Wegweiser für die 
Deutung der Entstehung des Epos dienen können, und die Tatsache, daß Grimm 
dort vornehmen Edelsinn wahrnimmt, wo Goethe nur Barbarei gesehen hat (z. B. 
in der Gestalt des Kraljevic Marko und in dem Lied „Die Erbauung von Skadar“ 
(der Burg von Shkoder, Scutari). Slijepcevics Bemerkungen sind in vieler Hinsicht 
2 Curcin: a. a. O., S. 100. 
3 Ebda S. 151 (s. auch S. 101 —102). 
4 EbdaS. 116. 
5 Pero Slijepcevic: Sta je Gete video u nasoj narodnoj poeziji? (Was hat Goethe in unserer 
Volksdichung gesehen?) In: Letopis Matice Srpske, Beograd 1932, Bd. 332, S. 72 — 80; 
Ders.: Gete o Kraljevicu Marku (Goethe über Kraljevic Marko). In: Nova Evropa (Zagreb 
1932), Bd. 25, Nr. 3—4, S. 151 —162.