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Full Text: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 9.1963

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Maja BoSkovic-Stulli 
heutige korrekte Verhalten gegenüber den Textberichtigungen in Vuks und anderen 
klassischen Sammlungen formuliert. Trotzdem wird über diese Fragen bis zum 
heutigen Tag gestritten. Kennzeichnend dabei ist, daß man fast immer Jacob Grimm 
als Autorität ins Feld führt, um die Veränderung von Texten zu rechtfertigen, mochte 
auch seine Ansicht über diese Frage schon zu jener Zeit recht rigoros, doch nicht 
ganz folgerichtig gewesen sein. So unterstützt z. B. J. Skerlic, der bekannte Ver 
fasser einer Geschichte der neueren serbischen Literatur, in dem Kapitel über Vuk 
Karadzic, das auch ziemlich oft von Grimm handelt, die Veränderungen Vuks an 
Liedern und Erzählungen, als voll zu Recht bestehend, wobei er Vuks Geschmack, 
mit dem er dabei vorgegangen war, bewundert. Dabei beruft er sich auf analoge 
Handlungsweisen andrer Sammler: „So ist übrigens auch Jacob Grimm verfahren, 
als er deutsche Volkserzählungen sammelte, ebenso die deutschen romantischen Dich 
ter Arnim und Brentano bei der Sammlung der Volkslieder.“ 18 
Noch bei einem anderen, bis heute lebhaft diskutierten Problem widerspricht 
Murko Curcin unter Berufung auf Grimm, diesmal in Übereinstimmung mit ihm. 
Murko, ein Slowene von Geburt, wirft Curcin vor, daß er Dalmatien und den 
übrigen westlichen Gebieten Jugoslawiens einen schöpferischen Anteil an der Volks 
dichtung, die er für ausschließlich serbisch hält, abspreche. Murko erinnert daran, 
daß Jacob Grimm den richtigen Weg gewiesen habe, wenn er in seinem Vorwort zu 
Vuks serbischer Grammatik — mochte er auch der Meinung sein, daß es für alle 
Südslawen keinen ruhmreicheren Namen gebe als den serbischen — erwähnt, daß 
Fortis die Welt mit einigen „morlakischen, d. h. serbokroatischen Liedern 19 be 
kannt gemacht“ habe. Dieser Frage wendet sich Murko erneut in seinem berühmten 
Werk über die serbokroatische Volksepik zu, worin er das erwähnte Grimm-Zitat 
hervorhebt, „das man im Leben und in der Wissenschaft völlig vergessen“ habe. 
An gleicher Stelle äußert Murko den Gedanken, daß „das Volkslied die Serben und 
die Kroaten zu einem Ganzen vereint“, was auch J. Kopitar gewußt und Grimm 
darüber belehrt habe. 20 
So verknüpfte sich mit Grimms Namen eine grundsätzliche Frage über den 
Charakter der serbokroatischen Volksdichtung, über die in dieser Beziehung schon 
im vergangenen Jahrhundert debattiert wurde. In der Zagreber Zeitschrift „Vijenac“ 
18 Jovan Skerlic: Istorija nove srpske knjizevnosti (Geschichte der neuen serbischen 
Literatur). 3. Aufl. Beograd 1953, S. 239. 
19 Archiv für slavische Philologie 28 (1906), S. 361. 
20 Matija Murko: Tragom srpsko-hrvatske narodne epike (Auf den Spuren der serbo 
kroatischen Volksepik). Bd. I. Zagreb 1951, S. 10; s. auch S. 402. — Curcin hat in der 
Zwischenzeit seine Ansicht berichtigt, nachdem er „mehr Tatsachen kennengelernt hat — 
im Hinblick auf die Volkslieder und ihre Verbreitung namentlich in Dalmatien und Bosnien- 
Herzegowina“, und er hat festgestellt, daß die ,Hasanaginica‘ „offenbar aus den Schichten 
unseres Volkes stammt, die sich und ihre Sprache als kroatisch bezeichnen“ . . . „Und da 
eben die ,Hasanaginica‘ unserem Volkslied den Weg in die Welt geebnet hat, wäre es nur 
recht und billig, daß man, wenn in der Weltliteratur von ihm die Rede ist, den kroatischen 
Namen neben dem serbischen Namen (den Vuk popularisiert hat) erwähnte.“ (M. C.: 
,Hasanaginica‘ u narodu [Die ,Hasanaginica‘ im Volk], In: Nova Evropa 1932, Nr. 3—4, 
S. 119 — 130; Zitat auf S. 130.)