Buchbesprechungen
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Im Zusammenhang mit dem Aufruf an Ärzte, Lehrer und Geistliche, den
Aberglauben zu bekämpfen, kritisiert der Verfasser das Verhalten der Volks
kunde. „Eine Volkskunde im elfenbeinernen Turm schließt den Hexenwahn in
ihr Phantom eines idyllischen Volkslebens, eines ,unantastbaren alten Volks
glaubens 1 ein und trägt ihn kritiklos weiter, anstatt ihn zwar zu erforschen,
aber auch seine gräßlichen Kehrseiten zu schildern und öffentlich bekanntzu
machen“ (S. 166). Es ist völlig richtig, daß die Volkskunde den Volksglauben
und seine Auswirkung auf die Gemeinschaft, in der er lebt, ohne Romantisie-
rung so darzustellen hat, wie er ist; es ist aber ebenso klar, daß Wertungen
und praktische Maßnahmen nicht ihre Aufgabe sein dürfen. Sie begäbe sich
damit des Charakters einer objektiv forschenden Wissenschaft. Eine ganz andere
Frage ist es, ob die heutige Gesetzgebung so beschaffen ist, daß sie den gemein
schädlichen Auswirkungen wirksam begegnet. Hier scheinen in der Tat Lücken
zu bestehen, die Tatbeständen wie Betrug, Verfemung und fahrlässiger Tötung
nicht gerecht werden.
Bonn Gerda Grober-Glück
Lothar Rudolph, Stufen des Symbolverstehens auf Grund einer volkskund
lichen Untersuchung in Berlin über drei Symbolformen (Christophorus, Hahn,
Johanniterkreuz). (Kirchengeschichtliche Studien, hg. v. Diözesangeschichtsver-
ein Berlin, 1. Heft). Morus-Verlag Berlin, 1959. 80 S.
Lothar Rudolph hat diese Arbeit als Mitarbeiter der volkskundlichen For
schungsstelle in Berlin (unter Dr. Barbara Pischel) geschrieben; sie trägt den
Stempel dieser Herkunft in ihrem kecken Zugriff gegenüber Fragen des groß
städtischen Volkslebens. Gleich zu Beginn betont der Verfasser, er wolle „nicht
einen theoretischen Beitrag zur Begriffsbestimmung des Symbols“ liefern; und
in der Tat liegt der Wert seiner Arbeit in erster Linie in der Sammlung und
der ersten Aufbereitung volkskultureller Gegebenheiten unserer Zeit. Zugrunde
liegen Beobachtungen und Befragungen, die zwischen 1955 und 1957 in Ber
lin durchgeführt wurden; sie zeigen, daß die im Mittelpunkt der Betrachtung
stehende Christophorusfigur heute auch und gerade in der Großstadt eine Rolle
spielt.
Die zusammengetragenen Fakten eröffnen zahlreiche Seitenblicke auf ver
schiedenartige volkskundliche Probleme, zumal sich der Verfasser bemüht hat,
die beobachteten Symbolgegenstände in ihrer Funktion zu sehen, sie also auf
die Symbolträger zu beziehen. Es zeigt sich, wie stark auch heute noch die
hohe Kunst von volkstümlichen Kultwellen getragen wird (Vielzahl von Chri-
stophorusdarstellungen seit 1945), wie andererseits die Industrie und die
Reklameunternehmen sich derartige Bewegungen zunutze machen und sie
gleichzeitig noch aufschaukeln (Christophoruswerbeplaketten und dgl.). Be
stimmte Redensarten hängen mit Christophorus zusammen („bei 80 steigt er
aus . . .“). Bei der Angabe der Herkunft der Christophorusplaketten fällt auf,
wie oft hier bairisch-österreichische Orte genannt sind; der Verfasser verzichtet
darauf, den Wegen der Verbreitung nachzugehen, bietet aber doch durch sein
Material eine wertvolle Hilfe für eine derartige Untersuchung.