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A. Referate. Urgeschichte.
all zu düster bezeichnet: aber meine Bedenken wurden doch als berechtigt an
erkannt und verschiedene Mittel zur AbhilEe vorgeschlagen. Bei dieser Ge
legenheit machte E. Cartailhac die treffende Bemerkung, daß mit dem
Fortschritt der einschlägigen Studien das rein neolithische Gebiet immer
mehr zusammenschmilzt, das äneolithische dagegen immer mehr an Aus
dehnung gewinnt; zumal in den Ländern um das Mittelmeer läßt sich von
einer absolut metallfreien jüngeren Steinzeit kaum ernstlich reden — wenig
stens nicht nach den geringen Kenntnissen, die wir von einer solchen besitzen.
Die deutschen Prähistoriker wissen genau, daß es in Mitteleuropa zwar
anders, aber doch nicht ganz unähnlich steht; sie nennen zwar nicht jede
neolithische Stufe oder Gruppe, in welcher sich schon etwas Metall findet,
äneolithisch, indem sie diesen Namen höchstens einigen Ubergangsgruppen
reservieren, aber sie müssen sich doch sagen, daß auch jede ältere, noch
ganz unbedeutende Metallspuren führende neolithische Gruppe (sowie wahr
scheinlich auch manche ganz metallfreie) mit einer äneolithischen Kultur des
Südens zeitlich zusammenfällt. Das in jeder Beziehung absolut Neolithische
ist nun natürlich nicht bloß eine theoretische Forderung, sondern sicherlich
auch bereits in concreto vorhanden und in unserem Besitz. Aber wo es
liegt, wo es anfängt und wo es aufhört, das wissen wir nicht oder wenigstens
nicht mit der wünschenswerten Sicherheit. Erst die Konfrontierung aller
erreichbaren Zeugnisse und der über diese herrschenden begründeten
Meinungen (wohin aber die Ansichten über sprachliche und ethische Zu
gehörigkeit des Materials nicht gehören) wird in dieser Frage zu einem
brauchbaren Ergebnis führen.
Inzwischen muß jeder methodisch korrekte Beitrag zur Charakteristik der
enormen Fortschritte, welche die europäischeMenschheit im „Zeitalter der geglät
teten Steinwerkzeuge“ gemacht hat, dankbar begrüßt werden. So auchLehners
Schrift über den neolithischen Festungsbau, bei dem uns unbekannte Mittel
zu gewaltigen Materialbewegungen angewendet wurden. Der Autor schildert
zunächst die neolithischen Festungen Westdeutschlands, vor allem das Erdwerk
bei Mayen an der Eifel, sodann die kleineren und, wie es scheint, sehr einfachen
Befestigungen Badens und Württembergs (Michelsberg bei Untergrombach,
Hoppenberg bei Obereisisheim, Wartberg bei Heilbronn), hierauf die un
geheure , anfänglich für ein Schutzwerk der Rheinbrücke Casars gehaltene
Erdfestung bei Urmitz, alle mit elliptischem Grundriß; in einem zweiten Ab
schnitt behandelt er die neolithischen Fortifikationen Südosteuropas: das alt
bekannte Schanzwerk von Lengyel und die Akropolis von Dimini in Thessalien.
Bei der Anlage all dieser Werke hielt man sich nicht ängstlich an die
höchsten, am schwersten zu ersteigenden Höhen; das fortifikatorische Prinzip
ist das der mehrfachen, konzentrischen Annäherungshindernisse mit mehr
oder weniger entwickelten Einzelheiten. Auffallend viele Tore wechseln mit
wenigen Eingängen; die ersteren deuten auf Fluchtburgen, die letzteren auf
feste, permanente Wohnplätze, von welchen auch die zahlreich erhaltenen
Wohngräben und Gräber Zeugnis ablegen. An manchen Stellen konnte
bei längerer Belagerung Wassernot eintreten; aber Lehn er nimmt mit
Recht an, daß Feindesgefahr und schwankende Zustände in jener Zeit nicht
lange zu dauern pflegten. Ein direktes Nachleben des neolithischen Festungs
baus ist in den Ringwällen der jüngeren vorgeschichtlichen Zeiten Westeuropas
nicht nachzuweisen, scheint sich aber in dem an Urmitz und Dimini erinnern
den „Torschleusen“-Bau der mykenischen Befestigungen der Akropolis zu
erkennen zu geben, und an das auffallend verwandt gedachte Schiffslager
der Achäer von llios hat schonLöschke bei der Entdeckung der Erdfeste von