Buchbesprechungen
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tenhieben gegen gemütskranke Hochintellektuelle über die Anwendung von Mär
chen und Musik in der Musiktherapie bei geistig Behinderten. Heino Gehrts macht
auf eine „Dreieinheit von Erzählern“ in zwei Erzählbeispielen aus Griechenland
und Zentralbrasilien aufmerksam und knüpft daran letztlich religiös geprägte Fol
gerungen zu Stoff, Form und Sinngebung des Erzählens.
Überzeugender als diese Serie von Morgengaben der Europ. Märchengesell
schaft, die weniger ,neue‘ Zugangs- und mehr spekulative Wirkungsmöglichkeiten
des Märchens aufzeigen, fallen die vier verbleibenden Beiträge aus, die seiner Funk
tion und Handhabung durch die Erzähler gewidmet sind. Carl-Heinz Mailet schil
dert faktengebunden und realistisch die erfolgreiche pädagogische Anwendung des
Märchenerzählens in der Lernbehindertenschule, Agnes Koväcs den in empirischer
Forschung erhobenen, sehr individuell bestimmten Umgang einer berufsmäßigen
ungarischen Erzählerin mit ihren Märchen. Die beiden ertragreichsten Beiträge
stammen von Walter Scherf und Katalin Horn. W. Scherf setzt Uberlieferungsin
halte von Märchen und Konflikte der Zuhörer in Beziehung zueinander. Ausge
hend von ihrem „Aufforderungscharakter“ untersucht er die Eingänge eigentlicher,
bei Kindern beliebter Märchen, die bis auf wenige Ausnahmen einen Ablösungs
konflikt zwischen Kind und Eltern umreißen und damit genau jene Konfliktlage
anzeigen, aus der sich für den Zuhörer das Drama der Selbstfindung entwickelt.
K. Horn zeigt auf, wie die Weltanschauung des Märchens anders wird, wenn das
persönliche Weltbild des Erzählers überhand nimmt. An vier Märchenaufzeich
nungen von vier bekannten ungarischen Erzählern dokumentiert sie überzeugend
die individuell verursachten, gewichtigen formalen und inhaltlichen Verände
rungen, die ein — etwa von Max Lüthi — vorausgesetzter Idealtyp erfahren kann,
und stellt in Frage, ob diese wesentlichen Abweichungen Begleiterscheinungen des
endgültigen Zerfalls der mündlichen Überlieferung unserer Zeit sind oder aber
schon immer um die ,klassischen' Märchen oszilliert haben.
Freiburg i. Brsg. Hannjost Lixfeld
John M. Ellis, One Fairy Story too Many. The Brothers Grimm and Their Tales.
Chicago/London: The University of Chicago Press, 1983. 214 S.
John M. Ellis widmet sich in seiner Studie den Brüdern Grimm und ihren auch
in den USA sehr verbreiteten und beliebten „Kinder- und Hausmärchen“. Wäh
rend gerade in den letzten Jahren in den Vereinigten Staaten vermehrt psychologi
sche und psychoanalytische Studien über die Grimmschen Märchen Aufsehen er
regten (z.B. B. Bettelheim-. The Uses of Enchantment. New York/London 1976;
vgl. auch den Sammelband von Metzger , MJMommsen, K. : Fairy Tales as Ways of
Knowing. Essays on Märchen in Psychology, Society and Literature. Bern/Frank
furt/Las Vegas 1981), widmet sich der amerikanische Germanist dagegen Überlie-
ferungs- und Textproblemen. Er versteht seine Arbeit weniger als Neuentdeckung,
sondern vielmehr als „a work of reinterpretation“. Dazu untersucht er die Volks
erzählungen in ihrem historischen Kontext, widerlegt die von den Brüdern viel be
schworene Mündlichkeit der Märchen und deren deutschen Ursprung, verweist auf
die französischen Parallelen etwa im Werke C. Perraults, registriert die zahllosen
inhaltlichen und sprachlichen Umarbeitungen in den verschiedenen Ausgaben der