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Bibliographische Daten: Globus, 70.1896

A . Vierkandt : Die Wirtschaftsformen und die Formen der Familie . 
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Die Wirtschaftsformen und die Formen der Familie . 
Von A . Vierkandt . 
Die Erforschung der Familienverhältnisse bei den Naturvölkern gehört bekanntlich zu den schwierigsten Aufgaben der Völkerkunde . Ihre natürlichen keiten sind noch erhöht durch die besondere Art , in der sie besonders in früherer Zeit in Angriff genommen wurde . Man wandte sich sofort den letzten abschliefsen - den Fragen zu und erging sich in gewagten Hypothesen mit einer Kühnheit , die an den Ikarusflug der deutschen Philosophie im Zeitalter der Romantik erinnert . So wie dort im grofsen , so ist auch hier im kleineren Mafsstabe dieser Uberkühnheit eine gewisse Ernüchterung und Zurückhaltung gefolgt . Man verschiebt die Erklärung der dunkeln Punkte mehr auf die Zukunft und schränkt sich mehr auf die Feststellung der That - sachen . In diesen Bahnen bewegt sich auch dasjenige Buch , dem die folgende Betrachtung gelten soll3 ) - Ehe wir uns jedoch ihm zuwenden , wollen wir einen kurzen Blick auf die Vorstellungen werfen , die über die wickelung des Familienlebens vorzüglich durch die Arbeiten von Lubbock , Bachofen und Morgan erwachsen sind . Gewisse weit verbreitete Anzeichen einer lockeren Auffassung der ehemaligen Verhältnisse stellen nach dieser Hypothese die Überreste einer ursprünglich ständigen Freiheit des geschlechtlichen Verkehrs dar . In der allgemeinen Zügellosigkeit dieser Verhältnisse gab es für die Nachkommenschaft , die aus diesem Verkehr erwuchs , nur einen festen Punkt , nämlich die Mutter . An sie knüpfte sich daher die erste Entwickelung des Familienlebens an : es entwickelte sich zunächst das Mutterrecht und teilweise auch eine Herrschaft des Weibes auf socialem und politischem Gebiete , ein Matriarchat und eine Gynäkokratie , und erst mit der Kultur wurden diese Zustände durch die heute herrschenden , und insbesondere das Mutterrecht durch das Vaterrecht verdrängt . Die hier angedeutete Theorie zählt nicht nur unter den älteren Ethnologen viele hänger — wir nennen nur Post , der ihr bis zum letzten Atemzuge getreu geblieben ist , — sondern auch unter den jüngeren Forschern bekennen sich noch einige zu ihr , wie z . B . Schurtz . 
Die in Rede stehende Theorie ging bei ihrer nahme , wenn auch mehr unbewufst als bewufst , von zwei allgemeinen Voraussetzungen aus : erstens von der eines allgemeinen Fortschrittes der Menschheit von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart , von einer durchgängigen aufsteigenden Entwickelung , und zweitens von der Annahme , dafs die einzelnen Gebiete der menschlichen Kultur in ihrer Entwickelung in sich geschlossen sind und unabhängig voneinander jedes seine eigenen , nur durch die in ihm selbst vorhandenen Faktoren bestimmten Bahnen wandelt . Die letztere Voraussetzung springt z . B . bei Post mit besonderer Deutlichkeit in die Augen , da er bei seinen Betrachtungen durchweg von den wirtschaftlichen , socialen , schen und allgemein kulturellen Verhältnissen abstrahiert und die betreffenden Erscheinungen aus dem organischen Zusammenhänge mit den ganzen Volksverhältnissen löst und als Bestandteil eines selbständigen Organismus betrachtet . 
Beide Voraussetzungen erweisen sich bei näherer Prüfung als unberechtigt . Die Annahme einer 
0 Ernst Grosse : Die Formen der Familie und die Formen der Wirtschaft . Freiburg i . B . und Leipzig , 1896 . Akademische Verlagsbuchhandlung von J . 0 . B . Mohr . 
gemeinen aufsteigenden Entwickelung der Menschheit ist auch , von allen einzelnen Erfahrungen abgesehen , schon rein logisch unstatthaft ; denn die Thatsachen bezeugen uns lediglich , dafs im Laufe der geschichte im Durchschnitt der Fortschritt den Rückschritt überwogen hat , aber nicht , dafs der letztere im einzelnen überall ausgeschlossen ist . Dazu kommen die Erfahrungen , die man durchweg bei der Berührung kulturärmerer Völker mit höheren Kulturen , insbesondere mit der europäischen , gemacht hat . Es ist heute kanntlich eine Streitfrage , ob wir in den Zuständen solcher Stämme , wie der Buschmänner oder Australier , eine ursprüngliche Kulturarmut oder das Ergebnis träglicher Rückschritte und Verkümmerungen zu blicken haben . Die Thatsachen gestatten noch keine Entscheidung , aber es bleibt eine logische Pflicht , die Möglichkeit eines späteren Rückschrittes hier stets im Auge zu behalten . Ebenso ungerechtfertigt ist die zweite Voraussetzung ; denn die Erfahrung belehrt uns überall , dafs zwischen den verschiedenen Gebieten der menschlichen Kultur , wie zwischen ihnen und den allgemeinen Bewufstseinszuständen der Gesamtheit die mannigfachsten Wechselwirkungen vorhanden sind . 
Auf die Berechtigung dieser Einwendungen weist auch im Bereiche der Familienverhältnisse manche That - sache hin . So hat man schon mehrfach bemerkt , dafs gerade bei den kulturell am tiefsten stehenden Völkern durchweg eine verhältnismäfsig hohe Reinheit der schlechtlichen Verhältnisse herrscht , die bei dem steigen' auf höhere Kulturstufen durch eine gröfsere Lockerheit verdrängt wird . Es liegt die Vermutung nahe , dafs wir es in solchen Fällen vielfach mit schritten zu thun haben , wie sie sich ja , wenn wir an gewisse Erscheinungen unserer modernen Kultur und unserer modernen Grofsstädte denken , leicht aus der Vermehrung der Versuchungen , wie sie sich ders aus dem Anwachsen der wirtschaftlichen Güter ergiebt , erklären lassen . Ein anderes Beispiel betrifft das allerdings auch von der in Rede stehenden Theorie betonte Schwinden des Mutterrechtes auf höheren stufen , sofern sich hier die Abhängigkeit der gen des Familienlebens von dem allgemeinen niveau unmittelbar aufdrängt . 
Was nun diesen letzteren Punkt , also die Abhängigkeit der Familien Verhältnisse von dem allgemeinen niveau , anbetrifft , so liegt es nahe , sich innerhalb der allgemeinen Kulturverhältnisse nach einzelnen , besonders wirksamen Faktoren umzusehen . Man wird dabei in erster Linie an die wirtschaftlichen Zustände zu denken geneigt sein . Auf diesem Standpunkt steht auch das Buch von Grosse , freilich nicht ohne sich leider einer gewissen Einseitigkeit dabei schuldig zu machen . MitBedauern lesen wir bei ihm den Satz ( S . 25 ) : „ Wenn man weifs , was ein Volk ifst , so weifs man auch , was es ist . “ Für das Gebiet des individuellen Lebens ist der entsprechende Satz bekanntlich eiust von Ludwig Feuerbach aufgestellt , heute aber bereits dem Schicksal der Lächerlichkeit verfallen . Für das Gebiet des socialen Lebens mufs er allerdings viel ernsthafter genommen werden . Es giebt bekanntlich eine materialistische schichtsphilosophie , die auf Marx zurückgeht , welcher alle Kulturverhältnisse lediglich als notwendige Folgen der jeweilig bestehenden wirtschaftlichen Zustände stellt . Die neuere Geschichtswissenschaft hat die
	        
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