Franz Koppel : Madrid .
gemischte Bevölkerung heran , und wie sehr auch später die spröde Etikette des höfischen Madrid sich spreizen mag , — stets unterschied und noch heute unterscheidet sich die leicht - bewegliche , muntere und ich möchte sagen selbst im Pathos graziöse Bevölkerung von Madrid wesentlich von den ernsten , steifen , bäurisch philiströsen Castilianernder bisM die Haupt - ftftbt heranragenden Mancha .
Das eigentliche , das neue Madrid aber ist und bleibt eine Stadt auf Königs Befehl . Es hat darin sowie in noch einigen anderen bedenkliche» Punkten eine ausfallende Aehn - lichkeit mit München . Beide sind nichts weniger als orga - nisch aus den Verhältnissen ihres Landes herausgewachsene Hauptstädte , denn dann läge das eine sicher nicht an der Isar , das andere aber noch viel weniger am Manzanares , den wir nachher verspotten hören wollen . Beide lägen nicht auf dürren Hochebenen , in nnwirthlichen , allen Wechseln der
Winde , jeder Unbill der Witterung ausgesetzten Regionen , und wer weiß , was Alles noch anders wäre ? Doch ein König befiehlt ; ein König wie Philipp der Zweite hat keinen Sinn für den märchenhaften Glanz von Cordova und Granada , keine Empfindung für die Wonne Sevillas , keine Pietät für die Würde von Burgos und Toledo , kein Verständnis ? für die Lage von Barcelona , aber er hat gerade königliche Laune genug , um Madrid zur Residenz des Reiches zu erheben , in dem die Sonne nicht untergehen konnte .
Er befiehlt , und die Straßen von Alcala , San Bernardo , Fnen - Carral , die Carrera von San Geronimo und andere ihresgleichen entstehen in ihrer ganzen Länge und Breite und unantastbaren Langeweile ; sie bevölkern sich und werden Adern des hauptstädtischen Verkehrs , während die tausend Säulen der Moschee zu Cordova verfallen und zerbröckeln , während in den Höfen der Alhambra Gras wächst und die Wasser -
Brunnen
rinnen der Araber in dem blühenden Terrassengelände von Valencia nach und nach vertrocknen .
Mit dem Golde der neuen Welt wird jetzt das Escnrial gebaut und Madrid verschönt , dessen Hos in Festlichkeiten von nie gesehenem Glanz sich zn berauschen anfängt ; da wächst der spanischen Residenz der Stolz , und das übermü - thige Wort ertönt : „ Dcmde esta Madrid , calle el mundo ! " ( „ vor Madrid verstummt die Welt " ) .
Doch diese „ schönen Tage von Aranjnez - Madrid " sind längst vorbei . Wir leben im neunzehnten Jahrhundert , wir begeben uns Abends um acht Uhr auf den Chemin de fer d'Orleans zu Paris , löfeu ein directes Billet nach der spa - nischen Residenz , besteigen ein Conpv und verlassen mit ein - brechender Nacht die Weltstadt . Am andern Morgen trinken wir ein Glas Bordeaux an 5er Quelle , Mittags setzen wir unsere überschüssigen Franken an der spanischen Grenze in Realen um , die untergehende Sonne zeigt uns baskisches
im Prado .
Land , welches Aehnlichkeit mit den Schwarzwaldthälern hat , und im Mondschein der darauf folgenden Nacht fliegen die wunderbaren Thürme der Kathedrale von Burgos gespenstisch an uns vorüber . Bei Valladolid schon neckt nns die feurige Morgensonne Spaniens , und wir eilen auf einem Wunder - bau moderner Technik durch die wilden Felsenschluchten der Sierra de . Guadarrama , um plötzlich aus der kahlen Hoch - ebene die Stadt Madrid vor unseren Blicken emporsteigen zn sehen .
Eine ungeheure , fast baumlose Fläche dehnt sich die casti - lische Hochebene in die Weite und Breite , mit Kieselgeschieben vollständig überschüttet . Ans dieser Ebene liegt Madrid , eine unförmliche , kaum durch Vorstadtpromenaden , Villen oder nutzbar cnltivirtes Gartenland vermittelte Häusermasse , aus welcher wie eiu titanenhafter erratischer Block der königliche Palast emporragt .
Diese weltberüchtigte Lage inmitten öder Sandfelder , auf