Zum Hauptinhalt springen
Page Banner

Volltext: Deutsche Heldensage

122 — 
„Könnte ich nur einmal den Herrn Dietrich sprechen, ich wollte ihn über 
Rother ausforschen, auch mit ihm beratschlagen, ob nicht die gefangenen Boten 
des Königs zu befreien wären,“ sagte die schöne Oda einmal zu Herlind—, ihrer 
Vertrauten. 
„O laß mich zu ihm gehen und ihn hierherführen!“ rief Herlind. 
„Hierher? Ich weiß doch nicht — was sollte der Ritter nur von mir 
denken? Und erführe es mein Vater, so träfe uns alle sein Zorn.“ 
„Er wird es nicht erfahren, des will ich schon Sorge haben,“ erwiderte 
die mutige Herlind, und nach langem Sträuben willigte die Herrin endlich in 
hr Vorhaben ein. 
Und Herlind schmückte sich aufs beste und begab sich auf Schleichwegen 
in die Herberge zu König Rother. 
Der Held blickte überrascht auf, als die Jungfrau eintrat, doch erwiderte 
er freundlich ihren Gruß und fragte nach ihrem Begehr. Und da er ihre 
Botschaft vernahm, freute er sich in seinem Herzen, denn das hatte er lange 
ersehnt. Zu der schönen Herlind aber sprach er: „Gern willfahrte ich dem 
Wunsche deiner Herrin, allein ich fürchte Verrat, denn viele Späher gehen im 
Hofe aus und ein. Der Ruf deiner Herrin aber soll unbefleckt bleiben, darum 
bersage ich mir das Glück, sie zu sehen. Bringe ihr meinen unterthänigen 
Gruß und künde ihr, ich hoffte, sie werde doch meines Herrn Gemahlin und 
hochgebietende Königin des Lampartenlandes werden.“ 
Und er streckte die Hand aus und nahm zwei niedliche Schuhe vom 
Besims, reizende, blinkende Dinger, einer von Gold und der andere von Silber, 
reichte sie Herlind dar und sprach: „Der guten Botschaft goldenen Lohn: 
nimm hin das blinkende Spielzeug und gedenke freundlich des Gebers!“ 
Herlind errötete vor Freude, stammelte ihren Dank und kehrte glück⸗ 
sttrahlend zu ihrer Herrin zurück. 
Fragend blickte die Königstochter ihr entgegen. 
„Schau her!“ rief sie heiter und hielt ihr die Schuhe vor Augen. 
O wie reizend!“ staunte Schön-Oda und nahm die Dinger in die 
hände. Und sie konnte sich nicht satt daran sehen. „Überlaß mir die Schuhe, 
meine Herlind!“ bat sie. „Ich fülle sie dir mit Gold, das sei der Preis dafür.“ 
Herlind bedachte sich ein wenig, nickte dann aber, ließ die Schuhe mit blanken 
Goldmünzen füllen, schüttete den ganzen Reichtum in die Schürze, tanzte vor 
Freude und rief: „Nun kann ich mir eine Burg kaufen und den schönsten 
Ritter freien — horch! horch! wie das Gold so lustig klingt!“ 
Schön-Oda lachte dazu und sagte scherzend: „Du den schönsten Ritter, 
und ich — —“ 
„Den König Rother von Lampartenland,“ fiel Herlind eifrig ein, „hab' 
ch's getroffen?“ 
Die Herrin aber hatte sich tief herabgebeugt, um die Schuhe anzuziehen.
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.