180 Walter Krickeherg Reliefen aus waagerechten Balken und Kreisen bestehen. Auf der Ostseite des Steins begleiten die Daten zwei Figuren: eine kniende oder hockende Frau und einen aufrecht vor ihr stehenden Mann, deren Gesichter zum Teil ausgekratzt wurden und deren Kopfputz von einer mit Schmuckscheiben besetzten Stirnbinde und dem mixteki- schen Jahressymbol gebildet werden. Es setzt sich aus Trapez und Strahl zusammen und gehört ebenfalls zu den Merkmalen älterer Denkmäler auf der Mesa Central und in Xochicalco, deren Terminus ante quem Alfonso Caso ans Ende des 10. nach ­ christlichen Jahrhunderts verlegt 21 ). Auch die ganze sonstige Ausstattung der beiden Figuren ist von der aztekischen grundverschieden und ebenso fremdartig wie der lange, an beiden Enden ornamental gestaltete Stab, den der Mann neben einem kleinen Schild mit Scheiben am Rande und langem, unterem Federbehang in den Händen hält. Diese Szene hängt wahrscheinlich mit dem Relief auf der Südseite des Steins zusam ­ men. Hier sieht man einen Tempel mit hohem, spitzem Dach aus sorgfältig geschich ­ tetem Stroh oder Palmblättern und mit pyramidalem Unterbau, dessen Absätze die für die ganze ältere Architektur Mexicos charakteristische Gliederung in einen ge ­ böschten Sockel und einen senkrechten, kassettierten Fries aufweisen. Die Pyramiden ­ treppe ist nach links gekehrt, wo sich eine Fedcrschlange über dem Datum „4 Bewe ­ gung“ (dem Namen der Sonne) w'ölbt. Auch die Federschlange ist hier ein Symbol der älteren, vor allem der toltekischen Kunst und stellt den Himmel dar, den die aztekische Kunst später durch ein abstraktes Symbol, den Sternhimmelfries, verkör ­ perte; daher ist sie, wie der Sternhimmelfries, auf der Unterseite mit der Hieroglyphe des Planeten Venus verbunden. Die Tolteken übernahmen die Federschlange aus der Kunst Teotihuacans, wo sie aber noch nicht den Himmel, sondern Wasser und Vege ­ tation bedeutete. Ungefähr gleichzeitig mit diesem Denkmal entstand auf dem Cerro de la Malinche bei den Ruinen von Tula (Hidalgo), dem historischen Hauptsitz der Tolteken, ein großes Felsbild, das die toltekische Kunst an einem eindrucksvollen Beispiel zeigt. Es wurde ziemlich hoch über der alten Stadt in das dunkle, kompakte Gestein gegraben, das dem Meißel des Bildhauers vier glatte, in stumpfen Winkeln aneinander stoßende Flächen bot, von denen die beiden mittleren zwei Götterbilder, die seitlichen zwei Jahresdaten in sehr flachem Relief tragen. Leider hat nicht nur die Verwitterung, sondern auch die teilweise Zerstörung der Bilder bei der Eroberung Tulas durch die Chichimeken, die (wie in Maltrata) die Gesichter beider Götter zerkratzten, dazu bel- getragen, daß sie heute, von unten gesehen, nur noch schwach zu erkennen sind 22 ). Zur Linken ist die Wasser- und Maisgöttin in voller Vorderansicht wiedergegeben; dies kommt in der aztekischen Reliefplastik bei Götterbildern ziemlich selten vor, in der toltekischen dagegen häufig. Die Göttin steht vor einer durch Wellenlinien, Wirbel und Schneckengehäuse charakterisierten Wasserfläche und hält in der Rechten eine 21 ) García Payón in El Mexico Antiguo IV 7/8 (1939) S. 241—252. Caso ,,E1 calen ­ dario Mixteco“ in Historia Mexicana V 4 (1956). 22 ) Daher gab es bisher nur Zeichnungen des Felsbildes. Vgl. García y Cubas i. Boletín de la Sociedad de Geogr. y Estad. 3. Ep. I (1873) Fig. 10; Pcñafiel in den „Monu ­ mentos del Arte Mexicano Antiguo“ (1890) Tafelband I (Taf.) und Enrique Meyer in der Revista Mexic. de Estud. Antropol. III 2 (1939).