Manuel Ballesteros Gaihrois Spanische archäologische Forschungen in Amerika im 18. Jahrhundert Die Geschichte des Alten Amerika baut sich vornehmlich auf den von den india ­ nischen Kulturen überkommenen Zeugen auf. Es sind dies in erster Linie „stumme“ Zeugen, denn — wie ja bekannt — waren die amerikanischen Eingeborenen schrift ­ los, mit Ausnahme der Maya, deren Hieroglyphen jedoch noch nicht vollständig ent ­ ziffert werden konnten. Aus diesem Grund ist innerhalb aller amerikanistischen Studien die Archäologie von entscheidendem Wert, da die historischen Überlieferun ­ gen nicht weiter als drei- oder vierhundert Jahre zurückreichen, die Archäologie aber die Grenzen der Zeit öffnet und sogar Licht auf die frühesten Epochen der Kultur in Amerika wirft. Die archäologische Forschung in Amerika, die heute als aufschlußgebende Grund ­ lage das historische Gebäude der vorkolumbischen „Indios“ trägt, nimmt ihren An ­ fang im 18. Jahrhundert, in dem so viele, heute weltweite Wissenschaften in Europa Gestalt annahmen. Es ist das Charakteristikum des 18. Jahrhunderts, daß es praktisch Höhepunkt der aus der Renaissance geborenen modernen Welt ist. Alle großen wis ­ senschaftlichen Leistungen des 17. Jahrhunderts (das Jahrhundert der „Infinitesimal ­ rechnung“ und des „Gravitationsgesetzes“ von Leibniz bzw. Newton) werden mit ­ geteilt, verbreitet, werden zum Gemeingut aller durch das Werk der „Aufklärer“ des 18. Jahrhunderts. Die Menschen dieses Jahrhunderts waren sich bewußt, daß auf wissenschaftlichem Gebiet Organisation nottut, und sowohl in Frankreich wie in Sach ­ sen vollzieht sich, gleichfalls als Kind des 17. Jahrhunderts, die Gründung der Aka ­ demien. Die Zusammenkünfte der wissenschaftlichen Gesellschaften finden immer häufiger statt. Es herrscht eine Unruhe, eine gewisse Eile (wie wir sie auch heute noch erleben), den übrigen von den Entdeckungen und den Fortschritten Mitteilung zu machen. Diese Art großzügiger Mitteilsamkeit ist eines der fruchtbarsten Mittel zur Verbreitung und zum Fortschritt im 18. Jahrhundert. War dies allgemein der Fall, so können wir annehmen, daß es auch im besonderen zutraf, das heißt im Bereich jeder einzelnen Wissenschaft, also auch auf dem Gebiet der Archäologie, die uns hier inter ­ essiert. Schon in den Tagen der Renaissance, als besonders die römischen Statuen in die Gärten und an die Höfe (cortili) der Fürsten und Kardinäle gebracht wurden, hatte die Archäologie — die Betrachtung der Reste des Altertums, besonders der Kunst ­ werke — begonnen, sich zu bilden. Aber diese ästhetische Betrachtung war noch frei von wirklicher wissenschaftlicher Unruhe, wie sie sich in der uns jetzt interessierenden Zeitspanne offenbarte. Bevor ich jedoch in der Darstellung der wissenschaftlich ­ archäologischen Anliegen fortfahre, erscheint es mir für das Thema von besonderem Interesse, aufzuzeigen, was das 18. Jahrhundert für Spanien und seine überseeischen Besitzungen in Amerika bedeutet.