Gutachten III und IV. Zum Zwecke der Feststellung des Geschlechts und der Abänderung ihrer Geschlechtszugehörigkeit suchten uns Mitte Juli 1911 in Begleitung ihrer Eltern die 16jährige Charlotte L. und die 14jährige Gertrud L., a.us Insterburg gebürtig, auf. Nach wiederholter genauer Untersuchung und eingehender Anamnese erstatteten wir das folgende Gutachten. Vorgeschichte. Anna Louise Charlotte L., wurde als zweites Kind — das erste war ein völlig normaler Knabe — am 14. Mai 1895 geboren, ihre Schwester Gertrud Meta Hilde am 18. August 1897. Bei böiden be­ merkte die Mutter kurz nach der Geburt eine Abnormität der Geschlechts­ teile, über die sie aber von der Hebamme mit der Versicherung beruhigt wurde, das würde mit der Zeit verwachsen und dann der normale weib­ liche Zustand hergestellt werden. Als Gertrud später an einem schweren Darmleiden erkrankte, machten die Eltern den Arzt gleichzeitig auf die angeborene Mißbildung der Genitalien aufmerksam. Er untersuchte beide Kinder, kam aber hinsichtlich des wahren Geschlechts zu keiner bestimm­ ten Entscheidung. So kam es, daß beide zunächst als Mädchen erzogen wurden und die Mädchenschule besuchten, Während der Schulzeit traten nun bei beiden Kindern Erscheinun­ gen auf, die ihre Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlechte sehr zweifel­ haft erscheinen ließen und Anlaß zu fortwährenden Belästigungen und Verhöhnungen von seiten der Mitschülerinnen gaben. Nachdem Charlotte mit 8 Jahren eine schwere Lungenentzündung durchgemacht hatte, deren Folgen noch heute nicht völlig überwunden sind, bekam sie im zehnten Lebensjahre plötzlich eine tiefe männliche Stimme, die bei ihrem ersten Auftreten als eine vorübergehende Heiserkeit auf gef aßt und behandelt wurde, bald jedoch als eine nicht krankhafte, natürliche Erscheinung der beginnenden Mannbarkeit sich erwies. Bei der jüngeren Schwester Ger­ trud stellte sich diese tiefe Stimme schon im siebenten Lebensjahre ein, kurz vor Beginn des Schulbesuches. Sie wurde in der Schule viel gehän­ selt, z. B. vom Lehrer „Brummbär“ genannt, was ihr viel Kummer ver­ ursachte. Wegen ihrer tiefen Stimme wurde Charlotte nach Untersuchung durch den Schularzt von der Teilnahme am Gesangunterricht befreit, eben­ so Gertrud.