Vorläufige Feststellung des Begriffes „Gesetz“. Der Begriff Gesetz enthält von Anfang an den Gedanken an eine bewußte menschliche Tätigkeit. „Die Uebertragung staatlicher Verhältnisse auf die per­ sonifizierten Kräfte der Natur und des Menschengeistes haben zu der Vorstellung eines Gesetzgebers im natürlichen und sittlichen Kosmos geführt, als dessen Gebote Naturgesetze und Normen erscheinen“.1) Das Gesetz ist das Resultat einer menschlichen Tätigkeit. Sowohl die Art und Weise dieser Tätigkeit als das Resultat derselben ist gesonderter Betrachtung unterziehbar. Mit der Scheidung dieser zwei Betrachtungsweisen ist in der staatsrechtlichen Literatur ein Streit darüber ausgebrochen, inwiefern die jeweilige Betrachtung selbständige Bedeutung hat. In diesem Sinne tauchte die Frage auf, ob es formelle und materielle Gesetze gebe oder nur Gesetze schlechthin.2) Die Begriffe des formellen und des materiellen Gesetzes ge­ langten erst durch Laband zu voller Bedeutung.3) Die Unter­ scheidung betrifft ausschließlich das Staatsgesetz. Jellinek, Gesetz und Verordnung, S. 227 und in näherer Ausführung S. 37. Aehnlich auch der Artikel „Gesetz“ im Handwörterbuch der Staats­ wissenschaften von Conrad, Lexis, Elster und Loening, Jena 1900; ferner Cathrein, Recht, Naturrecht und positives Recht, Freiburg i. B. 1901, S. 38 und die dort Angegebenen; endlich auch Wundt, Ethik, 2. Aufl., Stuttgart 1892, S. 2. 2) Ueber die geschichtliche Notwendigkeit der Scheidung: Jellinek, Das Recht des modernen Staates, 2. Aufl., Berlin 1905, S. 594. 3) Hierüber Haenel, Das Gesetz im formellen und materiellen Sinne, S, 4. Man vergl. auch Jellinek, Gesetz und Verordnung, S. 252.