Karl Schulte Kemminghausen — Münster Jakob Grimm und das serbokroatische Volkslied I. Die persönlichen Beziehungen Jakob Grimms zu den südslawischen Sammlern Kopitar und Karad£i6 Bei ihren Bemühungen um die Erforschung der frühen deutschen (germanischen) Dichtung kamen die Brüder Grimm, unter dem Einfluß der HERDERschen Gedanken vom Gegensatz der Natur- und Kunstpoesie stehend, zur Beschäftigung mit der deutschen und ausländischen „Volksüberlieferung“. Sie sammelten vor allem Volks ­ sagen, -märchen, -lieder und -bücher. Ihre Freunde ACHIM V. Arnim und CLEMENS BRENTANO, denen sie bei der Zusammenstellung des 2. und 3. Bandes von Des Knaben Wunderhorn behilflich gewesen waren, erwarben auf ihrer Reise nach den böhmischen Besitzungen der Familie Brentano 1 ) eine große Zahl von Volksbüchern 2 ). Brentano schrieb darüber am 3. September 1810 aus Berlin an Jakob und Wilhelm Grimm: „In einem Wallfahrtsort habe ich Ihnen auf der Rückreise zwei Dutzend Volksbücher nicht ohne Mühe erkauft, erstens weil ich kein Wort von der Sprache Verstehe, zweitens weil mit Arnim auch gar nichts bei solchen Gelegenheiten zu Aachen ist, der sich die Mühe nicht gibt, sich um dergleichen zu bücken, und ohne Ursache weiter trieb. Sie erhalten sie, nebst zwei Büchern des Dobrowsk^- über slavische Literatur, nur für Sie gegeben, mit dem Postwagen. Dobrowsky ist ein guter alter gelehrter, verwirrter, ungemein dienstfertiger, zu Zeiten mit Geistes- Serrüttung geplagter Hannepampel, der eine schöne Bibliothek hat, worin manches a ltdeutsche sein mag, die ich aber nicht gesehen, da er im Begriff war, zu verreisen. Br sagte mir, daß er alte böhmische Volksbücher habe, und Sie können sich förmlich in gelehrten Briefwechsel mit ihm einlassen; er ist gar gutmütig“ 3 ). So war die Ver ­ bindung mit diesem großen, von Brentano in seiner Weise liebenswürdig kari ­ kierten böhmischen Gelehrten, dem Begründer der slawischen Philologie, J.DoBROVS- KV (1753 — 1829) hergestellt, mit dem seit dem 20. März 1811 ein umfangreicher Briefwechsel geführt wurde 4 ). *) Vgl. hierzu: Das unsterbliche Leben. Unbekannte Briefe von Clemens Brentano, hierausgegeben von Wilh. Schellberg und Friedrich Fuchs, Jena 1939, S. 443ff. a ) Arnim an J. u. W. Grimm 3. Sept. 1810. In: R. Steig: Achim von Arnim und J. u. W. Grimm. (1904), III, S. 70. 3 ) R. Steig: Clemens Brentano und die Brüder Grimm. 1914, S. 108f. *) Briefe Dobrovsk^s an Grimm sind von Jagiö veröffentlicht im Archiv für slavische Philologie I (1876), S. 624—628; II (1877), S. 177 — 189; Briefe Jakob Grimms an Dobr. v on August Sauer in: Prager Deutsche Studien, hrsg. von Karl v. Kraus und August Sauer, VIII. Heft, Prag 1908, S. 568—620; Biographie Dobrovsk^s: V. Brandl: 2 ivot Josefa Dobrovskdho. Brünn 1833; vgl. auch A. Noväk: Tschechische Literatur in: Hand ­ buch der Literaturwissenschaft, S. 3 5 f. 1 Volkskunde