216 Maja Bo§koviö-Stulli zutreffend und subtil. Aber das maßgebende Kriterium, nach dem er Grimm vor Goethe den Vorzug gibt, stammt nicht allein aus der objektiven Einschätzung des einen oder anderen Standpunkts, sondern, — wie im Falle Curcins — aus dem eigenen nationalen Pathos. Slijepcevic, wie Curcin, verübelt es Goethe, daß er, im Gegensatz zu Grimm, die lyrischen Lieder bevorzugt. Er sieht darin „die Beschränktheit klassi ­ zistischer Geisteshaltung“, wogegen Grimm als „romantische Natur zur Vergötte ­ rung des Volkhaften und zur Versenkung ins Volkhafte geneigt“ gewesen sei. 6 Eben deshalb habe er auch eine patriarchalische Kultur verstehen können. Slijepcevic hält dafür, daß Grimm uns näher stehe als Goethe, denn er sei „ein volkstümlicher Mensch gewesen, während sich Goethe nur nach einem hypothetischen Hellas“ aus ­ gerichtet habe, wogegen alle größten südslawischen künstlerischen Errungenschaften, nämlich „Njegos, das Volkslied und Mestrovic auf einer romantischen, volkstüm ­ lichen Einstellung der Kunst“ beruhen. Reichlich pathetisch schließt er, daß wir „weit jünger sind“ als Goethe, 7 womit er seinen national-emphatischen und historisch bedingten Blickwinkel ganz ähnlich wie in Curcins Fall zum Ausdruck bringt. Slijepcevic bemerkt an einer anderen Stelle sehr zutreffend, daß Grimms bzw. die allgemein romantische Vorliebe für die Epik aus der Neigung der Romantiker für die Geschichte und für die Erkundung des Volksgeistes 8 herrühre. Sicher stammen die Sympathien Grimms für die serbokroatische epische Dichtung aus der gleichen Wurzel. Daher wirkt die gegenteilige Meinung Lj. Stojanovics, der eine große Mono ­ graphie über Vuk Karadzic verfaßte, etwas naiv und läßt ein wirkliches Verständnis des Wesentlichen vermissen. Er ist der Auffassung, Vuks 1814 ausgesprochener Gedanke über den historischen Gehalt der epischen Lieder, die im einfachen Volk „das einstige serbische Wesen und den Namen“ aufrecht erhielten, sei nur Vuk zu eigen und „von diesem Standpunkt aus haben weder Kopitar noch Grimm oder Goethe, als Ausländer, die sie waren, die Volkslieder betrachten können.“ 9 (Im übrigen ist Stojanovics Buch eines der ersten, die in breiterer und zusammen ­ hängender Form Angaben über die Beziehungen zwischen Vuk, Kopitar und J. Grimm zutage gefördert haben.) Curcins national-romantische Interpretation der Grimmschen Ansichten äußert sich nicht nur in seiner Auffassung des Epischen und Lyrischen, worin er, wie wir sehen konnten, nicht allein stand, sondern auch in einer anderen Einstellung, gegen die M. Murko 10 in einer außerordentlich scharfen Kritik anging. Murko als ausge ­ sprochen nüchterner Geist und Anhänger positiver Daten, der der Romantik nicht eben wohlgesonnen war, nimmt Curcin sein unkritisches Verhältnis zu den Rezen ­ sionen J. Grimms übel, die zwar sehr schön und voll feinen Verständnisses für die Schönheit der Lieder aus Vuks Sammlung seien, auch „deren Triumphzug durch 6 Letopis Matice Srpske, S. 75. 7 Ebda S. 80. 8 Nova Evropa, S. 158. 9 Ljub. Stojanovic: Zivot i rad Vuka Stef. Karadzida (Leben und Werk Vuk St. Kara- dziö’s). Beograd 1924, S. 68. 10 Matija Murko: Die serbokroatische Volkspoesie in der deutschen Literatur. In: Archiv für slavische Philologie, Bd. 28 (1906).