208 Heiliger Jakob, wahrer Jakob, billiger Jakob Rekonstruktion als Antriebskraft neuer Volkskultur 1 Von Hartmut Heller, Nürnberg 1. Autobiographische Reminiszenz Als Bayerns Gymnasien noch mit fünfteiliger Notenskala zensierten, 1951, bekam ich auf meinen ersten Deutschaufsatz eben diese 5! 2 Es lag nicht am Sprach ­ stil, nicht an der Orthographie, nicht an Verstößen gegen die Erzählgattung. Das Thema hieß: „Da mußte ich aber sehr lachen...!“ Ich erinnerte mich dafür eines Ausflugs nach Eichstätt, wo man uns angesichts der Reliquien der hl. Walburga erklärt hatte, daß aus dem Brustbein der 779 verstorbenen Abtissin alljährlich wunderwirksames „Walburgisöl“ zu fließen beginnt 3 . Da mußte ich ..., na, Sie wis ­ sen schon! Der Lehrer, kein Katholik, gab wohl zu Recht die schlechte Note aus pädagogischem Grund, weil man über die religiösen Gefühle anderer nicht spotten soll. Thema verfehlt! Doch macht es im Nachhinein auch nachdenklich, wie schwer sich offenbar an unseren Schulen ihre christliche Tradition, ihr Auftrag zur Werte ­ erziehung, sowie gleichzeitig ihre Verpflichtung zu Geistesfreiheit und natur ­ wissenschaftlicher Bildung miteinander ausbalancieren lassen... Heute weiß ich: Uber solch einfachen Glauben lächelten bereits die Aufklärer des 18. Jahrhunderts. Joseph Valentin Eybel in seiner Schrift „Was ist der Pabst?“ (Wien 1782) zählt hierzu auf die Legenden vom Ritter Georg oder den elftausend Jungfrauen, „Lukaszettel, Nikolausbrod, Aloysiusmehl, Walburgaoehl, Ignatius Bohnen, geweihte Zweige von Felberholz gegen das Ungewitter, und Fieber ­ wasser“ 4 . Seitdem schäme ich mich des damals kindlichen Mißgriffs weniger - und wage mich nach 47 Jahren erneut an ein religiöses Thema. - Die Nonnen von St. Walburg füllen übrigens noch heute Walburgisöl in Fläschchen ab. 1 Öffentliche Antrittsvorlesung an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg (19. 2. 1998), wo das Fach Landes- und Volkskunde vorrangig in der Lehrerbildung angesiedelt ist. Bewußt wurde der Vortragston auch für diese Veröffentlichung beibehalten. 2 Korrekturbedürftig Gernot Breitschuh: Das Schulzeugnis in Bayern nach 1945. In: M. Liedtke (Hrsg.): Handbuch der Geschichte des Bayerischen Bildungswesens. Bd. 3. Bad Heil- brunn/Obb. 1997, hier S. 1069. 3 Vgl. Dietmar Grypa: Die Verehrung der heiligen Walburga im 20. Jahrhundert. In: Jahrbuch f. fränk. Landesforschung 57, 1997, S. 339-374. 4 Zit. nach Daniel Drascek: „Gegenaufklärung“ im süddeutschen Raum. Zur Transformation der spätbarocken Alltags- und Frömmigkeitskultur im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Habil.-Schrift Univ. München 1997 (Masch.), S. 104. Vgl. auch Hartmut Heller: Die Aufklä ­ rung des 18. Jahrhunderts im Konflikt mit Volksfrömmigkeit und Aberglaube. Ein Pfarrer und Schulmann als Herausgeber des „Journals von und für Franken“ und des „Fränkischen Mer ­ kur“. In: M. Liedtke (Hrsg.): Religiöse Erziehung und Religionsunterricht. - Schriftenreihe z. Bayer. Schulmuseum Ichenhausen 13, 1994, S. 195-205.